Die Zukunft der Nachrichten, oder: Telekolleg 2.0

Gestern hatte es lange so ausgesehen, als würde die Medienrevolution mal einen Tag Pause machen. Während ich abends darüber nachdachte, was da wohl schiefgelaufen sein könnte, kam sie dann doch. Und zwar richtig dicke!

Die Fakt-Sendung

Die Fakt-Sendung

Erst war ich drauf und dran, mich über die langweilige Opel-Mega-Fakt-Berichterstattung in der ARD aufzuregen. Ziel war es ja offensichtlich, die kollektive Depression in der Opel-Stadt Eisenach darzustellen. Ok, kann man machen, sieht man immer gerne – fast so gerne wie “Auf Streife mit der Autobahnpolizei” oder irgendein Restaurant-Retter. Nur bitte, liebe ARD, das geht auch interessant! Und warum ist dieser Maler (oder Lackierer) des Automobil-Zulieferers zwei- oder dreimal eingeführt worden? Man weiß es nicht.

Zufällig bin ich anschließend auf ein interessanteres Programm gestoßen. Im Internet und kostenlos. Ohne GEZ-Gebühren, dafür aber mit Mehr- und Nährwert.

Die Vorgeschichte: In der Harvard Law School gibt’s den Kurs “The Internet: Issues at the Frontiers” (bei Twitter: #iif). Es geht um Innovation, Copyright, Wikis, kollektive Intelligenz etc. und die massiven Veränderungen unserer kleinen Welt durch das große Internet.

Gestern war Vorlesung. Thema: “The Future of News”. In der Lehrveranstaltung waren Medien-Vordenker Jeff Jarvis (jaja, mein Lieblingsrevolutionär) und LA-Times-Chefredakteur Russ Stanton zu Gast. Die LA-Times hat zuletzt durch den klugen Einsatz von Blogs ihre Zugriffszahlen sensationell gesteigert und verdient angeblich im Internet so viel Geld wie die gesamte (Print- und Online-)Redaktion kostet. Daraufhin war vor ein paar Wochen die Diskussion entbrannt, ob die LA-Times nicht einfach ihre Druckerpressen abschalten sollte (Antwort: Natürlich nicht, weil die mit ihrer Zeitung auch Geld verdienen).

Was hat die Harvard Law School nun gestern gemacht? Sie hat die Vorlesung Live ins Internet gestreamt. Per Mogulus. Im Hörsaal saßen etwa 30 Studenten, im Netz verfolgten rund 100 Leute den Stream. Sowohl Studenten als auch Internet-Glotzer stellten Fragen, diskutierten im Hörsaal und im Live-Chat über die Antworten (und im Netz manchmal auch über die schnuckelige Co-Moderatorin). Zwischendurch war der Google-News-Chef per Webcam zugeschaltet. Die Studenten im Hörsaal wiederum bekamen von Freunden und bekannten auch noch Fragen per Twitter übermittelt.

Die Harvard-Vorlesung im Live-Stream

Die Harvard-Vorlesung im Live-Stream

Das war wie Telekolleg 2.0 – noch dazu spannend und unterhaltsam. Als Jeff-Jarvis-Jünger waren mir seine Thesen bekannt, und über Ross Stanton kann man in vielen Blogs lesen. Trotzdem hab ich’s mir bis zum Ende angeschaut und bin erst spät ins Bett gegangen (leider habe ich im Netz noch keinen Mitschnitt der Vorlesung gefunden).

Der Abend hat mir gezeigt: Noch stärker als die Print-Medien wird sich das Fernsehen wandeln müssen, um überleben zu können. Die Long-Tail-Theorie von Chris Anderson hat sich gestern für mich persönlich mal wieder bewiesen: Der frühere Massenmarkt zerbröselt sehr schnell in einen Markt von vielen kleinen Nischen. Und gestern war die Nische (Web-TV über ein Spezialthema, gesendet von einer US-Uni) für mich hundertmal interessanter als der Massenmarkt (ARD-Sendung). Und obendrein noch kostenlos.  Ich beginne, die Anti-GEZ-Kampagne “Dafür zahl ich nicht” zu verstehen.

Wahnsinn.

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Über philippostrop

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2 Antworten zu Die Zukunft der Nachrichten, oder: Telekolleg 2.0

  1. Chaoshuhn schreibt:

    Gute Blogs können nun mal Massen fesseln. Und sie sind unschlagbar in einer Angelegenheit: Einzigartigkeit.

  2. Lilian schreibt:

    Ich kann die hier geäußerte individuelle Kritik am ARD-Prgramm nachvollziehen. Doch Programme a la Mogulus werden immer nur kleine Gruppen eines Spezailpublikums erreichen. Das wird in Zukunft dazu gehören. Aber zum Informationsmix für den normalen Medeinkonsumenten, der nicht ständig nach den neusten hippen Quellen ist, gehören Main-Stream Anbieter wie die ÖR Programme. In Zukunft mit immer weiter diversifizierter Mediennutzung noch viel notwendiger als bislang. Auch aufgrund der Garantie der Neutralität. Neutralität wird in Blogs niemand garantieren. Blogs sind sogar genau das Gegenteil. Dort ist die Bühne für Partikularinteressen. Und die wird künftig auch von kapitalistischen und vor allem politischen Interessengruppen als Agitationsbühne erkannt werden, ohne das die Blogworld sich dagegen wehren kann.

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