Zwischen Lindenbäumen und freien Würsten: Auftakt zum Forum Lokaljournalismus

Jürgen Rüttgers beim Folo-Auftakt

Jürgen Rüttgers beim Folo-Auftakt. Foto: Weckenbrock

Das 18. Forum Lokaljournalismus hat gestern Abend in Dortmund begonnen (Twitter-Hashtag: #folo2010). Veranstaltet von der Bundeszentrale für Politische Bildung, mitfinanziert von der WAZ-Gruppe. Der Auftaktabend diente zum Kennenlernen, zum Ankommen – und leider als Chance, endlich mal wieder ein paar staatstragende Sonntagsreden zu halten.

Letzteres ließen sich die beiden Politiker Jürgen Rüttgers und Bodo Hombach (Hombach im Hauptjob mittlerweile Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe) nicht nehmen. Jürgen Rüttgers lehnte in seiner Rede Staatshilfen für Medienhäuser ab (das fordert auch ernsthaft niemand, oder?) und findet Twitter („Zwitter“, wie er sagte) irrelevant. Das Gute beim Twittern sei: Zwei Sekunden später  interessiere niemanden, dass ein Flugzeug auf dem Hudson-River gelandet ist oder dass Horst Köhler Bundespräsident bleibt was gezwittert worden sei. Dass es sich allerdings mit durchschnittlichen Politiker-Reden meistens nicht anders verhält, war ihm Wurscht. Nun gut, sein Wahlkampfteam wird sicherlich wissen, wie wichtig Social Media ist.

An einer anderen Stelle der Rüttgers-Rede jedoch bin ich fast tot umgefallen. Der Ministerpräsident sagte sinngemäß: Wenn ich eine Information suche, dann finde ich bei Google einen Artikel aus www.derwesten.de Da kann ich die Verlage verstehen, die Google Marktmissbrauch vorwerfen.

Ich kann nicht tausendprozentig garantieren, ihn im Trubel richtig verstanden zu haben, und ich weiß weder, ob Rüttgers dies wirklich meint, noch ob beispielsweise Bodo Hombach von Marktmissbrauch redet, wenn Google dem WAZ-Portal www.derwesten.de tausende Leser pro Tag zuführt. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass derWesten nicht gerade sparsam beim Kauf von Google AdWords vorgeht, um auf diesem Wege Leser abzugreifen. Egal, Hombachs Online-Team wird schon wissen, wie wichtig Suchmaschinen sind, und dass dies kein Marktmissbrauch ist.

Dann kam Hombach himself auf die Bühne und redete eine halbe Stunde lang. Nach seinem Interview zum Start des Lokaljournalisten-Forums gab es ein gewisses Interesse an seiner Rede beim #folo2010. Hätte ja sein können, dass er die angesprochenen Themen aufgreift, weiterführt oder etwas zum schwierigen (aber möglicherweise notwendigen) Schrumpf-Kurs der WAZ sagt. Deshalb entschied ich mich, die Rede per iPhone und Qik live ins Internet zu streamen.

Hombach sagte jedoch nichts Relevantes, und so war es auch nicht schlimm, dass die UMTS-Verbindung ab- und damit mein Stream zusammenbrach. Die Zuschauer wären sowieso eingeschlafen. Die Drehscheibe schreibt unter der Überschrift „Gelungener Auftakt“: “WAZ-Geschäftsführer und Mitveranstalter des Forums Bodo Hombach verwirrte die Zuhörer zunächst mit Ausführungen zu Brunnen und Lindenbäumen vor den Toren.” Da halte ich es doch lieber mit meinem Kollegen Tobias Weckenbrock, der von “Stotterstart beim #folo2010″ schreibt.

Anschließend hatte das Ruhrgebiet die Chance, sich als moderne und spannungsvolle Metropole (Stichwort Kulturhauptstadt) zu präsentieren, und vergab sie souverän. Denn Kabarettist Stefan Keim war weder lustig noch hintergründig noch anspruchsvoll. Er war das Gegenteil. Plump, vulgär, und dumm-dreist verarschte (sorry, aber so war es!) er die Ruhrpott-Lokaljournalisten (Video bei Weckenbrock). Fremdschäm-Faktor inklusive. Denn als Schauplatz für seine dämlichen fiktiven Beispiele wählte er zielsicher die Redaktionen der WAZ-Gruppe. Man hatte ihm wahrscheinlich gesagt, dass die WAZ in seinem Programm vorkommen müsse – schließlich bezahlen die die Folo-Show.

So schlüpfte Keim in die Rolle von WAZ-Redakteuren, die um 16 Uhr den Griffel fallen lassen, und ihre freien Mitarbeiter als “freie Würste” bezeichnen. Vor dem Hintergrund des knallharten WAZ-Sparkurses, bei dem zurzeit knapp 300 Redakteure ihre Jobs verlieren und sich vielfach als freie Journalisten über Wasser halten müssen, war dies ein Hohn – oder, um im Sprachduktus des Kabarettisten zu bleiben, ein Schlag in die Fresse vieler verdienter Kollegen. Die WAZ-Spitze war alles andere als amused.

Christian Lindner, Chefredakteur der Rhein-Zeitung in Koblenz, brachte es in wenigen Zeichen auf den Punkt: “Humor-Fehlstart des #folo2010 hat auch was Gutes: Die Tagung kann nur noch besser werden.”

Und darauf freuen wir uns heute. Wirklich. Glückauf!

——————————-

Disclaimer: Ich arbeite beim Medienhaus Lensing, das u.a. die Ruhr Nachrichten (größte Tageszeitung im Großraum Dortmund) herausgibt. In weiten Teilen unseres Verbreitungsgebietes konkurrieren wir mit der WAZ. Unsere Seiten zum Forum Lokaljournalismus gibt’s unter www.RuhrNachrichten.de/folo2010.

About these ads

Über philippostrop

Journalist
Dieser Beitrag wurde unter Medienzeugs abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Zwischen Lindenbäumen und freien Würsten: Auftakt zum Forum Lokaljournalismus

  1. Pingback: Links anne Ruhr (28.01.2010) » Pottblog

  2. Pingback: Ruhrpilot - Das Navigationssystem für das Ruhrgebiet « Ruhrbarone

  3. Pingback: Was über das #folo2010 zu lesen ist « weckenblog

  4. Pingback: Twitter und Co.: Kommunikation 2015 und die Rolle der Lokaljournalisten « ostroplog – Das Weblog von Philipp Ostrop

  5. Yolanda schreibt:

    This is the main reason I read http://www.drehscyeibe.org. Shocking posts.

  6. oscitonse schreibt:

    Hi ostrop.wordpress.com folks! I was for a pretty long period a non registered looker of this forum and now it’s nice moment to move out of the darkness of anonymity :P

    few infos about me: 21 yars old, starter webmaster and most importantly loyal subscriber subforum board.

  7. Pingback: Forum Lokaljournalismus – ein Klassentreffen in Bremerhaven #folo12 | ostroplog – Das Weblog von Philipp Ostrop

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s