Die Story ist tot – lang lebe die Story

Durchschnittliche Lesedauer für diesen Artikel: etwa 6 Minuten
Alan Rusbridger
Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger (Foto: Jörg Wagner/www.wwwagner.tv)

Wenn Sie diesen Blogpost lesen, habe ich gelogen – und zwar gestern Abend am Rande der Zeit-Debatte in Berlin. Die Tatsache, dass es diesen Post gibt, ist sozusagen die Lüge. Rückwirkend. Noch dazu waren es zwei ältere Herren, die ich belogen habe.

Aber der Reihe nach. “Die Zeit” hatte also eingeladen in die feiste VW-Vertretung im geografischen Herz der Hauptstadt. Anlass: Zeit-Online-Chefredakteur Wolfgang Blau und Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger diskutierten öffentlich über die Zukunft des Journalismus. Es wurde das (zu erwartende?) sinnvolle Gespräch über den journalistischen Einsatz und die Wirkung von Social Media, Crowdsourcing, APIs, den ganzen anderen Kram, Mauern, Qualitätsjournalismus und die Lebensdauer einer Berichterstattung. Denn: Die Story ist tot – lang lebe die Story!

Die wichtigsten Themen, Positionen und Gedanken habe ich zusammengefasst und sinngemäß aus dem Englischen übersetzt. Wer es genau wissen will, kann die gesamte Diskussion im O-Ton drüben im World-Wide-Wagner-Blog von Jörg Wagner hören. Tweets gibt’s unter #zondebatte.
Update 22.10.2010, 13 Uhr: Video-Ausschnitte stehen hier am Ende dieses Eintrags.

Wie schafft man den massiven Wandel in den Köpfen (und Herzen!) der Journalisten?
Rusbridger: Inspirieren und schockieren! Wobei man mittlerweile nicht mehr viel schockieren muss. Vor dem Hintergrund der massiven Auflagenverluste geht überall in den Redaktionen die Angst vor dem Untergang um und jeder hält Ausschau nach den Rettungsbooten. Beim Guardian muss ich allerdings auch nicht mehr viel inspirieren. Ideen und Innovationen, der Einsatz von Social Media und Crowdsourcing, entstehen bei uns an so vielen Stellen – wie kleine Waldbrände, die überall auflodern, und die man überhaupt nicht mehr austreten könnte. Ich muss niemanden mehr dazu antreiben, it just takes off! Oft erfahre ich es als Allerletzter, wenn ich auf die Website schaue.

Wie setzen Guardian und Zeit-Online Collaborative Journalism ein?
Rusbridger: Beispiel Theaterkritiken. Nach Premieren lassen wir auch das Publikum die Vorstellung kritisieren. Natürlich nicht als Ersatz unseres Theaterkritikers, sondern als Ergänzung. Durch diese Kombination bekommen wir eine Berichterstattung, die tiefer und angereicherter ist. Das funktioniert natürlich auch bei anderen Themen. Die Leser und Nutzer, die ihre eigenen Gedanken beisteuern, tun das nicht für Geld – sondern, um veröffentlicht zu werden. Ich sage das, weil dieses Motiv immer noch unterschätzt wird.
Blau: Vor ein paar Jahren, als wir alle über User Generated Content gesprochen haben, sahen viele Medienunternehmen darin die Möglichkeit, sich den Inhalt kostenlos von den Nutzern besorgen zu lassen. Diese falsche Hoffnung hat sich nie bewahrheitet – und Collaborative Journalism kostet sogar mehr, denn man benötigt Training der Redaktion und natürlich solides Fact-Checking.

Der Guardian schreibt rote Zahlen. Wer bezahlt diese Initiativen? Woher bekommt Rusbridger das Geld dafür?
Rusbridger: Ich argumentiere journalistisch. Es ist absolut offensichtlich, dass wir inhaltlich so viel besser geworden sind. Aber natürlich bin ich auch ein wirtschaftlicher Realist und weiß, dass wir wahrscheinlich zukünftig weiter sparen müssen. Wir arbeiten in einer Zeit, in der es natürlich schwierig ist, Qualitätsjournalismus profitabel zu betreiben.

Die Washington Post hat ihre Journalisten angewiesen, nicht über die offiziellen WashPo-Twitteraccounts mit den Nutzern zu diskutieren. Wie kontrolliert der Guardian die Social-Media-Aktivitäten seiner Redaktion?
Rusbridger: It is beyond control, es ist jenseits jeglicher Kontrollmöglichkeit. Natürlich fühlt sich das erstmal gefährlich an, aber man muss es (als Chefredakteur) zulassen. Ich schätze, dass knapp 400 Guardian-Journalisten beruflich twittern, und zwar mit ihren privaten Accounts. Alle Journalisten, nicht nur Chefredakteure, müssen mit den neuen Rollen umgehen lernen. Viele Redakteure sehen das Aggregieren (von Inhalten, auch fremden) noch nicht als ihre Aufgabe an. Wenn ich Redakteure fragen würde, wer in der kommenden Woche den Twitter-Dienst übernehmen würde, würden sie es ablehnen. Würde ich einen 20-Jährigen fragen, der noch nie etwas mit Journalismus zu tun gehabt hat, würde er vor Freude springen.
Blau: Die Guardian-Journalisten benutzen also ihre privaten Twitter-Accounts. Wie setzen sie Twitter ein? Und was passiert bei juristischen Problemen?
Rusbridger: Im Journalismus, in dem ich aufgewachsen bin, gab es eine Mauer zwischen den Journalisten und den Lesern. Unsere besten Journalisten reißen diese Mauer nun ein. Unsere besten Journalisten nutzen Twitter vor dem Schreiben, dann zum Marketing der Story und anschließend zur Diskussion über die Story. Vor etwa 18 Monaten hat mal jemand gesagt: „Die Story ist tot!“ Gemeint war die abgeschlossene, fertige und damit beendete Berichterstattung. In mir hat sich damals alles gegen die Aussage gesträubt. Nun sehe ich, was gemeint war: Jetzt leben die Stories weiter. Stories enden nicht mehr, so wie im richtigen Leben auch. Da wird über gute Berichte ja auch anschließend geredet und weiterdiskutiert. Wir könnten es uns natürlich einfach machen und sagen: Das interessiert uns nicht, unsere Berichterstattung sollen die Menschen doch bitte woanders diskutieren. Doch wir müssen uns stattdessen fragen: Was machen wir mit dem Afterlife einer Story?
Zur rechtlichen Komponente: Natürlich wird es irgendwann auch mal ein Problem geben, und natürlich wird es irgendwann vielleicht auch mal eine juristische Auseinandersetzung deswegen geben – aber wenn obsessiv kontrolliert wird, kann man die Früchte nicht ernten. Ich kann mich in all der Zeit an genau eine Beschwerde wegen Twitter erinnern.
[Update: Heute hat der Guardian seinen Journalisten neue Social-Media-Regeln auferlegt!]
Blau: Wir bei der Zeit könnten ohne Twitter auch nicht mehr arbeiten. Twitter macht uns jeden Tag besser. Über Themen wie die Loveparade oder die Folgen der Vulkanasche-Wolke über Island hätten wir ohne Social Media nicht so gut berichten können. Leider wird Social Media in Deutschland noch zu oft als reines PR-Tool eingesetzt.

Je mehr Journalisten persönlich publizieren (Social Media), desto schwieriger wird die Objektivität…
Rusbridger: Ich glaube sowieso nicht an absolute Objektivität. Viel wichtiger sind Fairness und Transparenz. „Transparenz ist die neue Objektivität“, hat neulich jemand gesagt.

Schließen sich anspruchsvoller investigativer Journalismus und Crowdsourcing aus?
Rusbridger: Nein, es sind doch keine Gegenteile. Den Beweis für die tödliche Polizeigewalt beim G20-Gipfel haben wir nur durch Social Media bekommen. Und bei einer Berichterstattung über Tony Blairs mysteriöse Finanzen war es sogar billiger, die Dokumente ins Netz zu stellen und die Nutzer um Hilfe zu bitten, als einen hochspezialisierten Steuerrechtsanwalt zu beauftragen. Im Übrigen machen wir auch noch investigative Recherchen, die Monate dauern. Natürlich fragt man sich, ob man sich beim Crowdsourcing vor Falschinformationen schützen kann. Wir haben jedoch festgestellt, dass 98 Prozent der Informationen korrekt sind.

Wolfgang Blau fragt: Ihr seid online sehr erfolgreich. Könnte der Guardian eines Tages eine Wochenzeitung werden, so wie die Zeit?
Rusbridger (lange Pause): Ich habe Angst, diese Frage zu beantworten. Alles, was ich in Richtung „Ja“ sagen würde, würde ein riesiges Echo auslösen. In der Zukunft ist aber alles möglich.

Welche journalistischen Trends sieht Rusbridger? Und was ist mit dem Geschäftsmodell?
Rusbridger: Der Trend zu transparenteren Behörden und zum Veröffentlichen von Daten wird massiv zunehmen, damit also der Bereich des Datenjournalismus. Was das Geschäftsmodell angeht: Die Frage, ob Paid Content möglicherweise der bessere Weg ist, ist längst nicht beantwortet. Rupert Murdoch weiß es nicht, und ich weiß es auch nicht.

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Ach ja, und was war nun mit meiner Lüge? Neben mir saßen zwei ältere Herren. Sie sahen, dass ich während der Diskussion viele Notizen in mein Notebook hackte. „Und, wo können wir das morgen lesen?“, fragten sie. Aus irgendeinem Grund nahm ich an, sie meinten eine Zeitung, und antwortete: „Nirgendwo.“

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Die Videos der Zeit:


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6 Antworten zu Die Story ist tot – lang lebe die Story

  1. Pingback: Versuch macht klug | artundweise Blog

  2. Bart Brouwers schreibt:

    sehr lesenswürdig, danke!

  3. Bart Brouwers schreibt:

    oder ist es “lesenswert”? (Entschuldigung, deutsch is nicht immer einfach…)

  4. Pingback: Wahnsinniger Werbespot des Guardian | ostroplog – Das Weblog von Philipp Ostrop

  5. Pingback: Versuch macht klug | Blog

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