Entschuldigung, Jürgen Schmieder. Sorry, SZ.

SZ-Artikel "56 Kilometer Holz aus Sibirien"

Diesen SZ-Artikel habe ich fälschlicherweise für eine Kopie gehalten.

Ich habe der Süddeutschen Zeitung und dem Kollegen Jürgen Schmieder gestern Unrecht getan, und zwar öffentlich. Heute muss ich deshalb um Entschuldigung bitten und mache das dann auch mal öffentlich.

Und das kam so:
Vor einer Woche bin ich rein zu fällig auf diesen interessanten Artikel auf der Website des Wall Street Journal gestoßen. Irgendjemand in meiner Twitter-Timeline hatte den Link gepostet. Im Artikel wird berichtet, wie die Sportstätten der Olympischen Spiele in London gebaut wurden. Genauer: dass sie technisch für Rekorde optimiert wurden.

Ich habe den Artikel verschlungen, weil ich das Thema total spannend fand. Es wird berichtet, mit welchen Tricks das Schwimmbecken schneller gemacht und wie der Boden in der Turnhalle verbessert wurde. Wie im Velodrom sichergestellt wird, dass immer die richtige Temperatur (mit und ohne heißblütiges Publikum) bei richtigem Luftdruck herrscht. Dass die Radbahn aus besonders schnellem sibirischem Holz (56 Kilometer!) besteht und dass die Ziellinie ein paar Meter verlegt wurde. Und so weiter, und so weiter.

Der zuständige Projektmanager für die Entwicklung und den Bau der Sportstätten, Ian Crockford, wurde vom WSJ mit der Aussage zitiert: “The sport is progressive, the sport science behind it is progressive. You want to give the athletes the right environment to help them achieve their goals.” Außerdem kam Goldschwimmer Michael Phelps zu Wort, dem das angeblich alles ganz egal war: “A pool is a pool.”

“26 Kilometer Holz aus Sibirien”

Die Süddeutsche lese ich gerne und oft. Gestern auch. Auf der ersten Sportseite fiel mir ein Artikel von Jürgen Schmieder ins Auge: “56 Kilometer Holz aus Sibirien”. Das Thema kam mir sehr bekannt vor. Auch im SZ-Artikel kam irgendwann Ian Crockford zu Wort, mit demselben Zitat, das mehr als eine Woche zuvor schon das WSJ gebracht hat (natürlich übersetzt): “Sport entwickelt sich weiter”, sagt er, und damit auch die Sportwissenschaft, die dahinter steckt. Man versucht also, dem Athleten ein Umfeld bereitzustellen, in dem er seine Ziele erreichen kann.”

Beim Lesen der Crockford-Zitate dachte ich, aha, jetzt schreibt die SZ gleich “sagte er dem Wall Street Journal”. Kam aber nicht. Stattdessen stand auch das übersetzte Zitat von Michael Phelps drin (“Ein Pool ist ein Pool”). Und es ging um dieselben Technik-Tricks beim Schwimmbecken, um Temperatur, Luftdruck und das sibirische Holz im Velodrom und so weiter.

Die Indizien waren klar – für mich…

Für mich waren die Indizien klar und es stand fest: Die SZ hat beim WSJ abgeschrieben, den eine Woche alten Text übersetzt, ein bisschen gekürzt, und neu zusammengestückelt. Fertig ist das Autorenstück.

Als normaler SZ-Leser fühlte ich mich etwas verschaukelt. Als Branchenkollege wusste ich hingegen von vielen Diskussionen in deutschen Medienhäusern um die immer noch geführte unsägliche Frage, ob und wie man Konkurrenten zitieren/erwähnen/verlinken sollte. Meine Devise: volle Transparenz. Die Leser/Kunden/Nutzer wissen doch, dass es auch noch andere Medien gibt. Und seit es das Internet gibt, ist die Konkurrenz ja sowieso nur einen Klick entfernt (ein bisschen was dazu in diesem Ruhrbarone-Interview).

Nun, bei Twitter habe ich den SZ-Text gestern ein krasses Plagiat genannt.

Professionelle Reaktion der Redaktion

Dann folgte: eine professionelle Reaktion der SZ. Der Autor meldete sich per DM und fragte nach meiner Mailadresse. Daraufhin schrieb er mir eine lange Mail und konnte meinen Vorwurf absolut entkräften. Des Rätsels Lösung: Die Informationen und Crockford-Zitate stammten aus einer oder mehreren offenbar mäßig besuchten Pressekonferenz(en). Weil zwischen den Veröffentlichungen im WSJ und in der SZ mehr als eine Woche lag und die Olympischen Spiele ja längst beendet sind, bin ich überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen, die SZ-Infos könnten noch aus einer (alten) Olympia-PK stammen. So war es aber. Mein Fehler. Mist.

Heute muss ich mich also in der Disziplin des Olympischen Zurückruderns üben und feststellen, dass mein Vorwurf falsch war. Sorry, SZ. Entschuldigung, Jürgen Schmieder. Wenn wir uns mal irgendwo treffen, geht das Bier auf mich.

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