Wer Journalismus im Internet betreibt, setzt sich einem ungeheuren Konkurrenz- und damit Zeitdruck aus. Ich erlebe es in meinem Alltag als Newsdesk-Chef immer häufiger, dass schwierige Fragen zu beantworten sind – in immer kürzerer Zeit. Schwierige Fragen, angesiedelt im Koordinatensystem zwischen Presserecht, Ethik und Bauchgefühl. Je schneller wir im Live-Medium Internet berichten, desto öfter müssen die Fragen auch live beantwortet werden – weil wir nicht warten können, bis der News-Event vollständig beendet ist und von allen Beteiligten (auch uns) reflektiert werden konnte.
Wovon ich hier rede? Zwei Beispiele:
Beispiel 1: Bahnstrecke gesperrt. Grund: Suizid
Es passiert regelmäßig, dass wir beispielsweise im Frühdienst über Streckensperrungen der Bahn schreiben. Meistens kann die Bahn zunächst keinen genauen Grund für die Sperrung nennen, kurze Zeit später ist dann von einem Unfall mit Personenschaden die Rede. Was tun wir? Wir berichten online. Denn eine Streckensperrung bei der Bahn ist ebenso wie eine Autobahn-Sperrung eine Nachricht mit großem Nutzwert (news to use, zum Danachrichten). In den allermeisten Fällen handelt es sich dann nicht um einen Unfall an einem unbeschrankten Bahnübergang etc., sondern um einen Suizid – was natürlich schon im Vorfeld klar ist.
Nun habe ich im Volontariat gelernt, über Selbstmorde eigentlich nicht zu berichten und den Ball flach zu halten. Denn in jedem Fall spielt sich zuvor eine intime menschliche Tragödie ab, die die Öffentlichkeit erstmal nicht zu interessieren hat. Verständlich.
Aber in unserem Beispiel ist ja unsere Nachricht längst online – und wir wollen auch berichten, wann die Bahnstrecke wieder freigegeben wird, denn diese Nachricht ist ja ebenso wichtig wie die Sperrung. Verschweigen wir dann den Suizid, obwohl wir davon wissen? Stellen wir die Nachricht einfach offline und verzichten auf das Updaten und Abmoderieren (voll einsnull)?
Wir berichten natürlich. Nicht mehr in sensationeller Größe, aber wir halten unsere User auf dem Laufenden (so wie bei diesem Follow-Up – allerdings hatte die Polizei in diesem Fall ein paar Tage lang per Öffentlichkeitsfahndung nach dem Mann gesucht).
Ist das richtig? Ist das falsch?
Beispiel 2: Junger Mann (28) bei Air-France-Absturz gestorben. Die gesamte Redaktion kennt ihn gut.
Dieser Fall von gestern war schwierig für uns, auch emotional. Denn ein Todesopfer des Air-France-Flugs war mal Praktikant in unserer Lokalredaktion in Werne, anschließend sporadisch Freier Mitarbeiter. Ich kannte ihn privat, am Abend vor Heiligabend haben wir uns noch in unserem Heimatort Werne in einer Kneipe getroffen. Wir gingen zur selben Schule, er hat ein Jahr später Abi gemacht. Seine Eltern sind mit Redakteuren unserer Lokalredaktion in Werne befreundet, waren früher sogar gemeinsam im Urlaub. Kurzum: Es ist ein richtig guter Bekannter, über dessen Tod wir berichten mussten.
Selbstverständlich kennen wir seinen Namen, selbstverständlich kennen wir die (Geheim-)Nummern der Eltern – und weil der junge Mann als Ingenieur beim Bau eines Stahlwerks in Brasilien gearbeitet hat, haben wir mehrfach über ihn berichtet. Die Berichte standen online in unserem Archiv, außerdem eine Fotostrecke.
Zunächst haben wir gestern früh unsere archivierten Artikel und die Fotostrecke offline gestellt – weil wir nicht wollten, dass andere BoulevardMedien sich bedienen. Nach ein paar Stunden Recherche wussten wir definitiv, dass dieser junge Mann an Bord der Maschine war. Zu diesem Zeitpunkt hatten seine Eltern und Angehörigen noch nichts von offizieller Seite gehört. Gleichwohl befürchteten sie das Schlimmste.
Die Entscheidung, was nun zu tun war, war relativ leicht: Wir gingen mit der Nachricht online – ohne den Namen des Opfers zu nennen, und mit so wenig Details, dass Rückschlüsse auf seine Person nicht möglich waren. (Positiver Nebeneffekt: Die Konkurrenz Kollegen der anderen Zeitung, die mutmaßlich von unserer Nachricht überrascht worden sind, konnten nicht so schnell aufschließen.) Klar war aber: Irgendwann im Laufe des Tages hatten wir zu entscheiden: Nennen wir den Namen? Kürzen wir ihn ab? Zeigen wir Fotos? Pixeln wir diese?
Ich sprach mit dem Kommunikationschef des Konzerns, für den das Opfer gearbeitet hat. Dort hatte man bereits eine Presseerklärung vorbereitet, in der sein Name auftauchte. Diese Presseerklärung sollte erst verschickt werden (und direkt ins Netz gehen), wenn das Auswärtige Amt grünes Licht gegeben (also: Todesnachricht an die Angehörigen) übermittelt hat. Dies passierte dann am frühen Nachmittag.
Eigentlich hatten wir geplant, zu diesem Zeitpunkt ebenfalls den Namen zu nennen – denn die Nachricht war ja (zwar als Presseerklärung, aber online) auf dem Markt. Trotzdem zögerten wir und warteten, bis wir noch einmal mit der Mutter sprechen konnten. Und dann fragten wir sie einfach: Womit habt Ihr am wenigsten Probleme? Die Mutter las unsere Online-Berichterstattung und unsere unfertige Print-Berichterstattung – und gab grünes Licht. Für Nennung des vollen Namens und Benutzung von Fotos.
Und genau so machten wir es dann. Deshalb schreiben wir nun im Netz und in Print von Claus-Peter Hellhammer, den alle nur Claus nannten. Wir zeigen Fotos eines jungen Mannes, für den Brasilien nicht nur Leben, sondern auch Liebe gewesen ist.
Ich bin davon überzeugt, dass es richtig war, nicht sofort alle Details zu nennen, obwohl wir sie wussten, und die Meinung der Angehörigen einzuholen.
Trotzdem würde ich hier gerne weitere Meinungen dazu lesen.
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