Entschuldigung, Jürgen Schmieder. Sorry, SZ.

SZ-Artikel "56 Kilometer Holz aus Sibirien"

Diesen SZ-Artikel habe ich fälschlicherweise für eine Kopie gehalten.

Ich habe der Süddeutschen Zeitung und dem Kollegen Jürgen Schmieder gestern Unrecht getan, und zwar öffentlich. Heute muss ich deshalb um Entschuldigung bitten und mache das dann auch mal öffentlich.

Und das kam so:
Vor einer Woche bin ich rein zu fällig auf diesen interessanten Artikel auf der Website des Wall Street Journal gestoßen. Irgendjemand in meiner Twitter-Timeline hatte den Link gepostet. Im Artikel wird berichtet, wie die Sportstätten der Olympischen Spiele in London gebaut wurden. Genauer: dass sie technisch für Rekorde optimiert wurden.

Ich habe den Artikel verschlungen, weil ich das Thema total spannend fand. Es wird berichtet, mit welchen Tricks das Schwimmbecken schneller gemacht und wie der Boden in der Turnhalle verbessert wurde. Wie im Velodrom sichergestellt wird, dass immer die richtige Temperatur (mit und ohne heißblütiges Publikum) bei richtigem Luftdruck herrscht. Dass die Radbahn aus besonders schnellem sibirischem Holz (56 Kilometer!) besteht und dass die Ziellinie ein paar Meter verlegt wurde. Und so weiter, und so weiter.

Der zuständige Projektmanager für die Entwicklung und den Bau der Sportstätten, Ian Crockford, wurde vom WSJ mit der Aussage zitiert: “The sport is progressive, the sport science behind it is progressive. You want to give the athletes the right environment to help them achieve their goals.” Außerdem kam Goldschwimmer Michael Phelps zu Wort, dem das angeblich alles ganz egal war: “A pool is a pool.”

“26 Kilometer Holz aus Sibirien”

Die Süddeutsche lese ich gerne und oft. Gestern auch. Auf der ersten Sportseite fiel mir ein Artikel von Jürgen Schmieder ins Auge: “56 Kilometer Holz aus Sibirien”. Das Thema kam mir sehr bekannt vor. Auch im SZ-Artikel kam irgendwann Ian Crockford zu Wort, mit demselben Zitat, das mehr als eine Woche zuvor schon das WSJ gebracht hat (natürlich übersetzt): “Sport entwickelt sich weiter”, sagt er, und damit auch die Sportwissenschaft, die dahinter steckt. Man versucht also, dem Athleten ein Umfeld bereitzustellen, in dem er seine Ziele erreichen kann.”

Beim Lesen der Crockford-Zitate dachte ich, aha, jetzt schreibt die SZ gleich “sagte er dem Wall Street Journal”. Kam aber nicht. Stattdessen stand auch das übersetzte Zitat von Michael Phelps drin (“Ein Pool ist ein Pool”). Und es ging um dieselben Technik-Tricks beim Schwimmbecken, um Temperatur, Luftdruck und das sibirische Holz im Velodrom und so weiter.

Die Indizien waren klar – für mich…

Für mich waren die Indizien klar und es stand fest: Die SZ hat beim WSJ abgeschrieben, den eine Woche alten Text übersetzt, ein bisschen gekürzt, und neu zusammengestückelt. Fertig ist das Autorenstück.

Als normaler SZ-Leser fühlte ich mich etwas verschaukelt. Als Branchenkollege wusste ich hingegen von vielen Diskussionen in deutschen Medienhäusern um die immer noch geführte unsägliche Frage, ob und wie man Konkurrenten zitieren/erwähnen/verlinken sollte. Meine Devise: volle Transparenz. Die Leser/Kunden/Nutzer wissen doch, dass es auch noch andere Medien gibt. Und seit es das Internet gibt, ist die Konkurrenz ja sowieso nur einen Klick entfernt (ein bisschen was dazu in diesem Ruhrbarone-Interview).

Nun, bei Twitter habe ich den SZ-Text gestern ein krasses Plagiat genannt.

Professionelle Reaktion der Redaktion

Dann folgte: eine professionelle Reaktion der SZ. Der Autor meldete sich per DM und fragte nach meiner Mailadresse. Daraufhin schrieb er mir eine lange Mail und konnte meinen Vorwurf absolut entkräften. Des Rätsels Lösung: Die Informationen und Crockford-Zitate stammten aus einer oder mehreren offenbar mäßig besuchten Pressekonferenz(en). Weil zwischen den Veröffentlichungen im WSJ und in der SZ mehr als eine Woche lag und die Olympischen Spiele ja längst beendet sind, bin ich überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen, die SZ-Infos könnten noch aus einer (alten) Olympia-PK stammen. So war es aber. Mein Fehler. Mist.

Heute muss ich mich also in der Disziplin des Olympischen Zurückruderns üben und feststellen, dass mein Vorwurf falsch war. Sorry, SZ. Entschuldigung, Jürgen Schmieder. Wenn wir uns mal irgendwo treffen, geht das Bier auf mich.

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Forum Lokaljournalismus – ein Klassentreffen in Bremerhaven #folo12

Bremerhaven (Bild von www.forum-lokaljournalismus.de geklaut)

Bremerhaven (Bild von http://www.forum-lokaljournalismus.de geklaut)

Ich war erst ein Mal in Bremerhaven – damals auf Klassenfahrt mit der Schule. Ab Mittwoch bin ich wieder dort. Der Anlass ist zwar keine Klassenfahrt, aber irgendwie ein Klassentreffen: das 20. Forum Lokaljournalismus. Titel: “Faszination Lokaljournalismus. Demokratie braucht Leitmedien”.

Im Programm (PDF) geht es vor allem um die Fragen und Probleme der Lokal- und Regionalzeitungsbranche, also die bekannten Herausforderungen und Chancen in der digitalen Welt:

  • Knapp daneben ist auch vorbei – schreibt endlich, was uns interessiert!
  • Moment mal – Plädoyer für mutigen Lokaljournalismus
  • X-Media: Wege in die crossmediale Zukunft in Lokalredaktionen
  • Qualität und Service: Lösungen am Desk
  • Chance mobile Gesellschaft? Mobilkommunikation als Geschäftsmodell
  • Karriere bei der Zeitung – wo gibt’s denn sowas?
  • Global lokal – wie Lokalzeitung zur Debattenplattform wird

Gastgeber sind die Nordsee-Zeitung und die Bundeszentrale für politische Bildung. In den letzten Wochen musste das Programm allerdings noch geändert werden. Denn eigentlich hätte Bundespräsident Christian Wulff den Eröffnungsvortrag halten sollen. Nach seinem Rücktritt kommt nun sein Nachfolger als niedersächsischer Ministerpräsident, David McAllister. Er spricht darüber, wie wichtig ihm die Heimatzeitung ist. Das passt gut ins Programm, denn McAllister wohnt in Bad Bederkesa. Seine Heimatzeitung ist die Nordsee-Zeitung.

Einen spannenden Blick über den Tellerrand verspreche ich mir vor allem von zwei internationalen Referenten: Torry Pedersen (@torryp), der Herausgeber und Geschäftsführer von Verdens Gang aus Norwegen, treibt dort die Integration von Print und Online maßgeblich voran. Sein Thema am Donnerstagmorgen: Multimedia bringt Gewinn – innovativer Desk und Lesernähe. Am Donnerstagabend wird Clark Gilbert, einer der Bosse von Deseret Media, per Webcam zugeschaltet. Gilbert ist ein Provokateur und hat in seiner Zeit als Professor an der Harvard Business School herausgefunden, dass in Zeiten des großen Umbruchs (“Disruption”) in einer beliebigen Branche nur etwa neun Prozent der Unternehmen überleben. Sein Thema: zerstörerische Innovation – mit neuen Produkten zum Marktführer.

Ein Vorgeschmack auf diese Referenten:


Bleibt noch, das Hashtag zu klären. Ich schlage #folo2012 vor.

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Ostroplog-Links rund um das Forum Lokaljournalismus:
#folo2010: Nach- und Nebenwirkungen
Umfrage: Was ist Ihr Medientrend 2010?
Twitter & Co: Kommunikation 2015 und die Rolle der Lokaljournalisten
Zwischen Lindenbäumen und freien Würstchen – Auftakt zum Forum Lokaljournalismus 2010

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72 Stunden unter Beschuss: So gefährlich ist die Berichterstattung aus Syrien

72 Hours Under FireDas Schlachten in Syrien geht unvermindert weiter, die internationale Gemeinschaft kann oder will sich offensichtlich nicht auf ernsthafte Versuche einlassen, den Wahnsinn zu stoppen. Umso wichtiger ist es, dass Journalisten unabhängig aus Syrien berichten. Dabei riskieren sie ihr Leben. CNN zeigt jetzt, wie gefährlich es ist, aus der Rebellenhochburg Homs zu berichten.

Die Dokumentation “72 Hours Under Fire” (“72 Stunden unter Beschuss”) begleitet das Team um Korrespondentin Arwa Damon (@arwacnn), Fotograf Neil Hallsworth und Sicherheitsberater Tim Crockett.

Auf CNN International läuft der Film am Freitag (9.3.) um 21 Uhr (CET). Wiederholungen gibt es am Samstag (10.3.) ebenfalls um 21 Uhr, am Sonntag (11.3.) um 12 Uhr.

Link zum Trailer: 72 Hours Under Fire

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Wahnsinniger Werbespot des Guardian

Nach fünfmonatiger Pause wollen wir mal wieder etwas Leben in dieses angestaubte Blog bringen, was?

Starten wir mal locker mit Alan und dem Wolf, einem neuen Werbespot des Guardian aus England. Im Mittelpunkt steht die Tatsache, dass der Guardian auf allen Kanälen sendet und empfängt. Warum dieser Spot gleichzeitig ein Lehrstück für den Medienwandel ist, haben die KollegInnen der taz hier aufgeschrieben.

Ich finde es schon wahnsinnig, was das für eine teure Video-Produktion gewesen sein muss. Vor dem Hintergrund der Digital-First-Print-Last-Strategie allerdings sinnvoll – schließlich wird der Spot verlinkt, embedded, geliked und was weiß ich nicht noch alles. Quod erat demonstrandum in diesem Blog.

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Apropos taz und Werbespot: Dieser geile Clip ist schon fast vergessen…

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Ostroplog-Links rund um den Guardian:
Zeit-Debatte mit Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger
Der nächste Kracher von Obamas Pressesprecher

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Darf es ein bisschen schärfer sein? Ein Plädoyer für Currywurst-Journalismus

Eigentlich wollte ich mit Rapha Breyer eine Currywurst essen. Doch dann war alles ganz anders und ich musste schnell zum Zug. Wir haben das Interview trotzdem geführt.

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Gedanken und Links zum Gesagten:

Wir brauchen mehr Currywurstjournalismus
Vor einem Jahr machte das Buzzword “Bratwurstjournalismus” die Runde, angetrieben von Hardy Prothmann. Mit Bratwurstjournalismus meint man diese vermeintlich typische Lokal- oder sogar Sublokal-Berichterstattung (also auf Stadtteil-Ebene) darüber, dass beim Pfarrfest für das leibliche Wohl gesorgt war, das Grillgut wieder vorzüglich mundete und die Blauröcke am Ende der Jahreshauptversammlung das Tanzbein geschwungen haben. Bratwurstjournalismus = Blödsinnjournalismus. Daraus ist in den vergangenen Monaten oft der falsche Schluss gezogen worden, dass Lokal- oder Stadtteil-Berichterstattung per se Blödsinnjournalismus ist. Doch Journalismus, der nah an den Menschen ist, der ihre kleinen Probleme kennt und aufgreift, der ansprechbar ist und eine Gesicht hat, der auf die üblichen Floskeln verzichtet, der ist nicht blöd. Das liegt mir schon lange auf dem Herzen, merke ich gerade, während ich das hier schreibe.

Im Ruhrpott und in Berlin gehört die Currywurst zum Kulturgut. “Schärfer?”, wird man gefragt, wenn man die C-Wurst bestellt. Um im Wurst-Bild zu bleiben, brauchen wir also mehr Currywurstjournalismus – so nah dran wie der Bratwurstjournalismus, aber nicht so langweilig. Mit leckerer Soße und ordentlich Chili.

Mehr Beta für den Journalismus
Hier das Interview mit den Ruhrbaronen

Links zur Neonazi-Demo-Berichterstattung
Unser Liveticker mit Fotostrecken und Videos
Das genannte Video von DerWesten

Storify im Redaktionseinsatz
Beispiel Unwetter
Beispiel Erdbeben

Nico Drimecker ist RN_Mobil
MoJo Nico Drimecker
Die Aktion “Nico wandert”
RN_Mobil auf Twitter

Unwetter über Dortmund
Blopgpost: Wie uns Social Media jeden Tag besser macht
Präsentation von Michael Krechting und mir beim www.scoopcamp.de

Der Blumenkübel
Wikipedia: Alles zum Internet-Phänomen Blumenkübel
Das Bekennervideo von “Free the Flowers”

Kontakt
http://twitter.com/RaphaBreyer
http://twitter.com/okomuenster
http://twitter.com/ralfheimann
http://twitter.com/RN_Dortmund

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Die neue Schnelligkeit der News: erst publizieren, dann verifizieren?

Soziale Netzwerke verändern den weltweiten Fluss von Nachrichten und dessen Geschwindigkeit. Das merken vor allem Journalisten, die in dieser neuen Arbeitsumgebung professionell agieren müssen. Neue Fragen kommen auf. Ist Tempo alles? Bei welcher Geschwindigkeit lassen sich Informationen noch verifizieren? Oder können Informationen sowieso erst nach dem Publizieren verifiziert und editiert werden?

Darum drehte sich das Abschluss-Panel der DJV-Konferenz “Besser online” gestern in Bonn. Titel: Hyperventilation: zu schnell, zu brutal, zu ungenau – über den Schnelligkeitswahn im Online-Journalismus.

Die Diskutanten (von links nach rechts auf dem Podium):
Stefan Plöchinger (Chefredakteur sueddeutsche.de)
Melanie Ahlemeier (Nachrichtenchefin dapd.de)
Matthias Spielkamp (Betreiber iRights.info)
Alexander von Streit (Herausgeber vocer.org)
Moderator: Don Dahlmann (Autor, Journalist und Blogger).

Zum Auftakt der Diskussion sprach Internet-Vordenker Jeff Jarvis per Skype über die neue Schnelligkeit der News und die Folgen. Ich habe das Panel mit dem iPhone gefilmt (bis das Telefon nach knapp 50 Minuten voll war). Das Gespräch zwischen Don Dahlmann und Jeff Jarvis habe ich aufgeschrieben und dabei sinngemäß übersetzt. Der Text steht unter dem Video.

In der anschließenden Panel-Diskussion ging es um personell schlecht ausgestattete Online- und Agentur-Redaktionen, unsinnige Live-Ticker (Fukushima…) und Online-Redakteure, die mit ihrer schlampigen den ganzen Journalismus zerstören, wie ein Zwischenrufer meinte.

Don Dahlmann: Wir reden darüber, wie Social Media den Journalismus verändert. Was ist Deine Erfahrung: Wie reagieren amerikanische Medien darauf und wie verändert sich deren Arbeit?

Jeff Jarvis: Die Frage ist: „Brauchen Nachrichten Journalisten?“ Vielleicht nicht! Das ist ein Teil dessen, was uns Twitter lehrt. Die Lektion, die ich zuletzt gelernt habe, stammt von Andy Carvin von NPR. Seine Twitter-Berichterstattung über die Revolutionen im arabischen Raum zeigt: Nachrichten fangen an, die Architektur des Internets  nachzuahmen. Sie verlaufen von einem Ende direkt zum anderen, also vom Augenzeugen direkt zur [restlichen] Welt. Früher brauchte es uns [Journalisten] als Vermittler, ansonsten hat die Nachricht nicht stattgefunden. Aber jetzt in Libyen, Ägypten und Tunesien hatte niemand die Bürger angewiesen, die Revolution crowdzusourcen. Sie haben einfach der Welt mitgeteilt, was um sie herum passierte. Andy Carvin hat sich als Journalist zurückgenommen und [trotzdem] viel journalistischen Wert hinzugefügt. Er hat herausgefunden, wer wirklich vor Ort ist. Er hat Leute identifiziert, er hat Zusammenhänge hergestellt, er hat mit Gerüchten aufgeräumt, er hat Informationen verifiziert, er hat Erklärungen hinzugefügt, er hat Videos übersetzt, er hat also insgesamt unglaublichen journalistischen Mehrwert hinzugefügt. Aber die Nachrichten sind ohne ihn passiert. Ich glaube, wir müssen jetzt realisieren, dass die zentrale Architektur des Internets und der Welt von „Ende zu Ende“ ist. Menschen können Informationen miteinander teilen – kostenlos. Wir Journalisten müssen uns fragen, wie wir eine Wertsteigerung schaffen. Es gibt uns einen wirtschaftlichen Vorteil [im Gegensatz zu früher], weil wir nicht immer inmitten eines jeden Informationsaustausches sein müssen, sondern einen Vorteil aus der günstigen [neuen] Architektur der Nachrichtenübermittlung ziehen und einen großen Wert hinzufügen können. Und das erzähle ich auch meinen Studenten.

Don Dahlmann: Twitter beschleunigt die Nachrichten. Nun stehen Journalisten vor dem Problem, die Informationen in kurzer Zeit verifizieren zu müssen. Wie kann ein Journalist das machen?

Jeff Jarvis: Zunächst einmal besteht das Problem ja, seit es Nachrichtensender gibt, die rund um die Uhr live berichten. Seit dieser Zeit müssen die Zuschauer selbst zu Redakteuren werden und entscheiden, was wahr ist, weil es keine Zeit mehr für den journalistischen Prozess gibt, den Wahrheitsgehalt zu prüfen. Die andere Wahrheit ist: Andy Carvin, Gawker und andere verbreiten Nachrichten, bevor sie wissen, ob sie stimmen. Sie sagen [ihrem Publikum]: „Diese Information habe ich. Jene Fragen stellen sich allerdings noch. Was wisst Ihr darüber?“ Die beängstigende Sache für Journalisten ist: Wir sind in einer Situation, wo wir eine Information zuerst publizieren und erst anschließend editieren. Das hört sich schrecklich an, ist aber einfach nur die Situation, in der wir uns [mittlerweile] befinden. Die Schlüsselqualifikation für Journalisten ist es jetzt, zu sagen, was man alles nicht weiß [oder nicht bestätigen kann]. Also ganz transparent zu sein.

Don Dahlmann: Also muss man – etwa bei der Berichterstattung über den Terroranschlag in Oslo oder über die arabische Revolution – öfter mal die Formulierung „es könnte sein, dass“ benutzen. Aber damit lassen wir das Publikum doch ein Stück weit allein, oder?

Jeff Jarvis: Bei den 24-Stunden-Nachrichtensendern im Fernsehen war es doch immer schon der Fall, dass der Zuschauer entscheiden musste, welchen Informationen er vertraut und welchen nicht. Je mehr wird den journalistischen Prozess offen und transparent machen – und der journalistische Prozess bei Live-Nachrichten ist nun mal problematisch –, desto mehr wird man uns vertrauen und desto größeren Mehrwert können wir hinzufügen. Wir Journalisten werden ja weiterhin gebraucht, aber anders.

Don Dahlmann: Das heißt, das Publikum muss ein bisschen mithelfen [...]?

Jeff Jarvis: Und das betrifft ja nicht nur den Journalismus. Übrigens kommt bald ein neues Buch von mir heraus, und ich habe noch keinen Verleger in Deutschland. Egal, ob du eine Autofirma bist oder eine Zeitung oder die Regierung, Du musst öffentlicher agieren.  Das wird erwartet. Sachen werden in der Öffentlichkeit passieren. [...] Die Bürger werden von öffentlichen Institutionen verlangen, öffentlicher zu sein. [...]

Don Dahlmann: Das bedeutet auch, dass sich die Journalistenausbildung
verändern muss.

Jeff Jarvis: Ja, und durch Instrumente wie Twitter müssen Journalisten
auch lernen, ihre Arbeit zu promoten. Sie müssen [diese Instrumente] nutzen um zu berichten, aber auch um zu fragen, was gerade passiert. Übrigens stellt sich auch die Frage, ob der fertige Artikel überhaupt die kleinste Einheit der Nachricht ist. Denn wenn man wieder zu Andy Carvin guckt, sieht man einen Strom an Nachrichten und einen Prozess, der niemals in einem Artikel mündet. Bisher schreiben wir Artikel, wenn sie einen Mehrwert bringen – also zum Verständnis beitragen oder die Zusammenfassung einer Entwicklung sind. Aber manchmal werden Nachrichten einfach nur ein Prozess sein, und wir müssen die Journalisten darin schulen.

Don Dahlmann: Haben die Verantwortlichen in den USA angefangen, ihre
Nachwuchskräfte darin zu schulen?

Jeff Jarvis: An der CUNY machen wir das, und die Leute sehen, wie bei der New York Times oder beim Guardian ein brillanter Job bei Live-Blogs gemacht wird. Damit habe ich die Murdoch-Story verfolgt. Das war wunderbar. Der fertige Artikel, der dann darüber erscheint, ist nur noch das Nebenprodukt. Der großartige amerikanische Verleger John Paton von der „Journal Register“-Zeitungsgruppe hat gerade die Zeitungsgruppe “MediaNews” übernommen. Er predigt „Digital first, print last“, also „Digitales zuerst, Gedrucktes zuletzt.“ Die sagen der Welt also digital, was sie wissen, und der Zeitungsartikel, der anschließend erscheint, ist nur noch das Nebenprodukt.

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Gruppenstunde der Anonymen Twitterer. Oder: Leichte Tweets und schwere Maschinen

Ich hatte lange ein schlechtes Gewissen. Vor mindestens anderthalb Jahren habe ich ein paar Twitterer, die meine damalige Arbeit und die Arbeit meiner Redaktionen kritisch begleitet haben, zu einer Diskussion mit Druckereiführung eingeladen.

Am Dienstag haben wir die Einladung endlich eingelöst – in etwas aktualisierter Besetzung. Mein Nachfolger als RegioDoDesk-Chef, Tobias Weckenbrock, war natürlich dabei, ebenso Heinz Jäger, unter anderem IT-Chef im Medienhaus Lensing. Und natürlich Nico Drimecker, unser mobiler Reporter, der das Video des Abends gedreht hat. Wichtiger aber waren unsere Gäste:

Jens Matheuszik aka @pottblog
Tobias Althoff aka @tobias_althoff
Nicolai Roerkohl aka @nicinai
Dennis aka @DerBeile

Mein Fazit: Gute Gespräche, flotte Führung, abwechslungsreicher Abend. Danke für das Interesse!

Und das haben unsere Gäste geschrieben…

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Wie uns Social Media jeden Tag besser macht – am Beispiel des Unwetters über Dortmund

Durchschnittliche Lesedauer für diesen Artikel: 2 Minuten
Der Blitz-Informationsdienst von Siemens zählte am Donnerstagabend rund um Dortmund 890 Blitze in nur zwei Stunden. (Foto: Siemens)

Der Blitz-Informationsdienst von Siemens zählte am Donnerstagabend rund um Dortmund 890 Blitze in nur zwei Stunden. (Foto: Siemens)

“Social Media macht uns jeden Tag ein bisschen besser”, hat neulich jemand gesagt. Ich glaube, der Satz stammt von Zeit-Online-Chefredakteur Wolfgang Blau (die Recherche nach dem Urheber des Zitats läuft).

Wer Social Media journalistisch nutzt, findet diese Aussage selbstverständlich. Natürlich macht Social Media die Journalisten und ihren Journalismus besser, was denn auch sonst. Für alle anderen habe ich ein Beispiel aus der Praxis:

Am Donnerstagabend zog ein heftiges Unwetter über Dortmund. Die meisten Mitarbeiter meiner Redaktion waren gerade in den Feierabend gegangen, als das Gewitter um kurz nach 20 Uhr anrollte. In den folgenden zwei Stunden gingen 890 Blitze in und um Dortmund nieder. Bis 23 Uhr zählten Polizei und Feuerwehr 543 “wetterbedingte Einsätze”. Das Mobilfunknetz brach zusammen, der Fernsehempfang ebenfalls. Der Feuerwehr-Notruf 112 war überlastet. Die Feuerwehr rief den so genannten “Vollalarm” aus: Einsatz für alle.

Wir haben, wie in solchen Situationen bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund üblich, einen lokalen Live-Ticker gestartet. Doch wir hatten ein Problem – denn wir kamen nur sehr schlecht an Informationen. Ja, natürlich, um uns herum ging die Welt unter, das konnte jeder sehen (dafür braucht man auch keinen Live-Ticker…). Aber fundierte Informationen oder Augenzeugenberichte aus den Dortmunder Stadtteilen waren Mangelware. Die Leitstellen, die in solchen Situationen unsere Ansprechpartner sind, hatten entweder keine Zeit für ein Telefonat oder keine Informationen, geschweige denn einen Überblick.

Unsere Rettung waren unsere 2500 Follower bei Twitter. Sie haben uns bis Mitternacht mit ziemlich genau 100 direkten Hinweisen, Fotos und Videos versorgt: Hier ist ein Baum umgefallen, dort ist eine Straße überflutet, da drüben steht eine U-Bahn-Station unter Wasser. Wir konnten nicht jede einzelne Information in unseren Ticker übernehmen (wir hatten ja auch keine Möglichkeit der Verifizierung) – aber wenn mehrere Menschen über Probleme bei einem bestimmten Handynetz oder über umgestürzte Bäume auf einer bestimmten Bundesstraße schrieben, haben wir es aufgenommen. Außerdem waren diese 100 @-Messages an uns ein unschätzbares Instrument, um die Gesamtlage einzuschätzen. Selbstverständlich haben wir den geplanten Aufmacher aus der Zeitung geschmissen und parallel zum Ticker an einer neuen Print-Aufmachung gearbeitet. Hätten wir auf die ersten belastbaren offiziellen Informationen der Behörden gewartet, hätte der neue Print-Aufmacher große Teile der Abo-Auflage nicht mehr erreicht.

“Social Media macht uns jeden Tag besser.” Den Beweis haben wir am Donnerstagabend gesehen und mit Storify aggregiert: So haben uns unsere Follower gerettet. Danke!

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Im Zeitraffer-Video aus dem Fenster der Redaktion sah das Unwetter übrigens so aus.

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Die Beta-Projekte der New York Times

Beta 620

Beta 620

“Mehr Beta für den Journalismus” habe ich neulich in diesem Ruhrbarone-Interview gefordert. Die New York Times ist längst auf diesem Trip und erklärt ihre Projekte und Experimente jetzt auf der Website http://beta620.nytimes.com/. Interessant!

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Krise im Netzwerk Recherche – Mail an die Mitglieder

Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche (NR) steckt in der Krise. Im zehnten Jahr ihres Bestehens hat NR-Gründer und Gesicht Thomas Leif am Freitagabend am Rande der Jahrestagung in Hamburg seinen Rückzug aus dem Vorstand erklärt. Hintergund: Mögliche Unregelmäßigkeiten bei der Finanzierung des Vereins. Die taz schreibt von einem “Putsch”, auch Meedia berichtet.

In einer E-Mail sind die Mitglieder über die Probleme informiert worden. Ich bin NR-Mitglied und dokumentiere das Schreiben:

Betreff: Mitteilung an die Mitglieder von netzwerk recherche e.V.

Liebe nr-Mitglieder,

anlässlich der Pläne des Netzwerks Recherche (NR), eine Stiftung zu gründen, hat sich der Vorstand am 28. Mai 2011 ausführlich mit der Finanzlage des Vereins befasst. Dabei tauchten Hinweise auf, dass der Verein im Zusammenhang mit der Förderung der Jahreskonferenz 2010 gegenüber der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) möglicherweise fehlerhafte Angaben gemacht hat. Grundsätzlich fördert die BPB die Jahrestagung im Rahmen einer Defizitfinanzierung. Da möglicherweise aber nicht alle Einnahmen der Jahrestagung gegenüber der BPB angegeben wurden, könnte der Verein eine zu hohe Förderung von der BPB erhalten haben.

Nachdem der Vorstand davon Kenntnis erhalten hatte, beauftragte er umgehend unabhängige Wirtschaftsprüfer, die Kassenführung und die Abrechnungen gegenüber der BPB zu überprüfen – und zwar für alle Förderjahre (2007 bis 2010). Am 6. Juni wurden die Wirtschaftsprüfer detailliert über alle Einzelheiten der ergangenen Förderbescheide persönlich informiert.

Am 24. Juni haben die Wirtschaftsprüfer den “Entwurf eines Zwischenberichts” vorgelegt. Demnach gibt es Hinweise, dass auch in den Jahren 2008 bis 2010 nicht alle Einnahmen im Zusammenhang mit der Jahrestagung gegenüber der Bundeszentrale vollständig angegeben wurden. Zudem muss geklärt werden, ob alle als Einnahmen in den Förderbescheiden abgerechneten Positionen (Spenden für die allgemeine Vereinsarbeit) als Einnahmen für die Jahreskonferenz anzurechnen sind. Für das Jahr 2007 gingen die Wirtschaftsprüfer von einem anderen Sachverhalt aus, weil die BPB damals von einer genauen Prüfung abgesehen und die Fördersummen für einzelne Positionen eigenständig festgesetzt hatte. Die Wirtschaftsprüfer informierten den Vorstand über ihr Prüfungsergebnis, wonach es keinen Hinweis auf irgendeine Form der persönlichen Bereicherung durch ein Mitglied des Vereins gibt. Die Wirtschaftsprüfer bewerteten die externe Buchhaltung des Vereins als ‘top’ geführt.

Am 25. Juni traf sich der Vorstand von NR zu einer außerordentlichen Sitzung, um die vorläufigen Ergebnisse der Wirtschaftsprüfer – die Korrekturen und Stellungnahmen des Vorstands zum Berichts-Entwurf noch nicht enthalten – zu beraten. Der Vorstand hat dabei einstimmig beschlossen, nicht nur die möglicherweise unrechtmäßig erhaltenen Fördermittel, sondern sämtliche Fördermittel der BPB für die Jahrestagungen (2007-2010) – unter dem Vorbehalt der Sachprüfung – vorsorglich zurückzuzahlen. Dabei handelt es sich um einen Gesamtbetrag in Höhe von rund 75.000 Euro.

Die Rückzahlung erfolgte am 28. Juni 2011. In einem Brief wurde die BPB darauf hingewiesen, dass die Rückzahlung unter Vorbehalt der ausstehenden Sachprüfung erfolgt ist (insbesondere bezogen auf das Jahr 2007). Bereits vor zwei Wochen – vor Erhalt des Abschlussberichts der Wirtschaftsprüfer – hat der Vorstand die Bundeszentrale für politische Bildung schriftlich über die Sachlage und die zu klärenden Fragen informiert und um die entsprechende Überprüfung der Bescheide gebeten. Seitdem stellt die BPB in einem eigenen Prüfverfahren fest, ob, und wenn ja, in welcher Höhe das Netzwerk möglicherweise überhöhte Zuwendungen erhalten hat.

Auf der außerordentlichen Vorstandssitzung hat der 1. Vorsitzende des Vereins, Thomas Leif, erklärt, die Verantwortung für mögliche Abrechnungsfehler zu übernehmen. Der Vorstand erklärte dazu, an der Integrität Thomas Leifs, der mit großem Engagement netzwerk recherche gegründet und 10 Jahre ehrenamtlich für das Netzwerk gearbeitet hat und dessen Einsatz der Verein viel verdankt, gebe es keinen Zweifel.

Der Vorstand wird am Freitag, 1. Juli, auf der Mitgliederversammlung über den aktuellen Informationsstand berichten. Der für Freitag vorgesehene Tagesordnungspunkt “Gründung einer Stiftung” wird auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Auch sollen die Vorstandswahlen bis zur abschließenden Klärung des Sachverhalts – so der Vorschlag des Vorstands – verschoben werden. Angestrebt wird eine neue Mitgliederversammlung im Herbst 2011, spätestens jedoch Ende 2011, auf der dann ein neuer Vorstand gewählt wird.

Prof. Dr. Thomas Leif
1. Vors. netzwerk recherche e.V.

Hans Leyendecker
2. Vors. netzwerk recherche e.V.

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