Die Medien-Revolution gewinnt an Fahrt

Anthrax-Alarm bei Twitter

Anthrax-Alarm bei Twitter

Die Medienwelt wandelt sich dramatisch. In meinem Job als Chef eines medienkonvergenten Newsrooms – also an der Schnittstelle zwischen alter Zeitungs- und neuer Online-Welt  – merke ich dies immer stärker. Die Revolution läuft, und wir fachen sie täglich ein bisschen stärker an (übrigens sehr erfolgreich).

Heute ist wieder so ein Tag, an dem der Wandel unübersehbar ist.

Beispiel 1: Das Zeitungssterben in den USA. Fast jeden Tag muss dort eine renommierte Regionalzeitung Insolvenz anmelden. Ganz dramatisch scheint es allerdings nun in Kalifornien zu sein, wo der San Francisco Chronicle nur noch wenige Wochen Zeit hat, um sein Überleben mit einem Sparkonzept zu sichern. Sollte dies nicht klappen, würde bei der größten Zeitung Nordkaliforniens mit einer Auflage von 340.000 Exemplaren die Lichter aus gehen Druckmaschinen abgeschaltet. Die 144-jährige Geschichte des Traditionsblattes wäre beendet.

Die Folge: San Francisco (immerhin 800.000 Einwohner) wäre die erste US-Großstadt ohne lokale Tageszeitung im herkömmlichen Sinn. Denn die einzige andere Tageszeitung der Stadt, der San Francisco Examiner (Website), ist im Jahr 2004 verkauft worden (für 100 Dollar!!!) und versucht sein Glück nun als Gratisblatt.

Beispiel 2: Twitter. Dass der Microblogging-Dienst Twitter bei „Breaking News“ viel schneller ist als die etablierten Medien, wissen wir spätestens seit den Anschlägen in Bombay oder der Notlandung auf dem Hudson-River in New York. Doch heute war Twitter auch fast schneller als die etablierten Medien in Dortmund. Denn es gab heute „Anthrax-Alarm“ bei den Dortmunder Stadtwerken. Wie immer war es nur irgendein weißes Pulver, was gefunden wurde, und nicht der Milzbrand-Erreger.

Unser Reporter war natürlich vor Ort. Zuerst gemeldet worden ist der Alarm allerdings von den Kollegen von derWesten.de. Doch nur eine Minute später war es eine „normale“ Twitter-Userin, die den Anthrax-Alarm in alle Welt herauszwitscherte. Neun Minuten später sind wir dann angetwittert worden mit der Frage, warum wir eigentlich noch nicht berichten.

Beim „Anthrax-Alarm“ hatte zumindest ein etabliertes Medium heute noch einen 60-Sekunden-Vorsprung gegenüber der Masse der User. Lange wird dieser Vorsprung nicht halten…

Verrückte Welt. Ich hoffe nur eines: Dass die Revolution nicht ihre Kinder frisst.

Update 23.13 Uhr: Interview zum Thema mit Medienberater Joachim Blum in der FR. Ich nehme an, er hat die FR bei der Restrukturierung begleitet…

Über philippostrop

Journalist
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4 Antworten zu Die Medien-Revolution gewinnt an Fahrt

  1. Michael schreibt:

    Zu viel Fokus auf 60-Sekunden-Vorsprünge und zu wenig auf den Reporter vor Ort. Bei Anthrax-Alarm haben die Leute früher auch schon drüber geredet, bevor die Zeitung gedruckt worden ist. Deshalb wurde der Andruck trotzdem nicht gestoppt🙂 Heute ist das Stadtgespräch halt ein Weltgespräch in der #Twitterkneipe. Was hier fehlt: Twitterer positiv als Online-Informanten zu begreifen und nicht (nur) als Schnell-Schnell-Konkurrenz..

  2. weckenbrock schreibt:

    Das Problem ist: Der erste wird zitiert. Dem gehört die Nachricht erstmal. Nicht dem zweiten und erst recht nicht dem dritten. Aufholen oder überholen kann der Rückständige nur, wenn er andere, bessere, Quellen hat – aber auch da geht es wieder um Geschwindigkeit. Und darin schlummert eine große Gefahr. Wie viele verschiedene Quellen braucht es, bis eine Nachricht wasserdicht ist?

    Es wird zukünftig noch stärker darum gehen, wer wie gut vernetzt ist und wer seine Werkzeuge am besten zu nutzen weiß.

    Wobei – das war niemals anders. Und da sind wir wieder bei Michaels Reporter vor Ort.

  3. Pingback: Und noch mehr Medienwandel « ostroplog - Das Weblog von Philipp Ostrop

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