Zeitungen: Was geht – und was kommt?

Clay Shirkys Analyse

Clay Shirkys Analyse

Seit amerikanische Regionalzeitungen sterben und namhafte Branchen-Player um das Überleben kämpfen, glauben viele, dass sich das gesamte Geschäftsmodell Zeitung überholt hat. Der US-Online-Experte Clay Shirky scheint zu dieser Gruppe zu gehören.

Er hat gestern sehr scharfsinnig darüber gebloggt, warum Zeitungen nicht überleben werden und weshalb noch kein Business-Modell in Sicht ist, das sie ersetzen kann. Seitdem wird seine Analyse im Web als brilliant gefeiert.

Hier ein paar Kernthesen (sehr frei übersetzt und ein bisschen interpretiert):

  1. Die Produktion von Inhalten/Nachrichten auf industriellem Weg (mit teuren Druckmaschinen, tonnenweise Papier und einer komplexen Vertriebsorganisation) ist einfach nicht mehr nötig, weil es durch das Internet direkt und billiger geht.
  2. Die heutige Medienrevolution ist vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg im 15. Jahrhundert. Zuvor hatte die Katholische Kirche ein Inhalte-Monopol – ähnlich wie bis vor ein paar Jahren die Zeitungsverleger (=reiche Druckmaschinenbesitzer). Durch Gutenbergs Buchdruck konnte damals die Bibel auch in anderen Sprachen (nicht nur auf Lateinisch) gedruckt werden, Wissenschaftler wie Kopernikus konnten ihre Ideen verbreiten, Literatur entstand. Doch die Revolution lief chaotisch ab: Welchem publizistischen Werk konnte man trauen? Wessen Thesen stimmten, welche Übersetzung war falsch? Erst langsam bildete sich ein professioneller Umgang mit dem neuen Massenmedium Buch heraus – so wie jetzt vielleicht mit Blogs oder  Sozialen Netzwerken.
  3. Das Chaos vor 500 Jahren ist vergleichbar mit der Situation jetzt. Das typische Zeichen einer echten Revolution: Das alte Zeug (Geschäftsmodell Zeitung) ist schneller verschwunden als das neue Zeug (Geschäftsmodell Online) etabliert ist.
  4. Deswegen führt kein Weg an Experimenten vorbei, am Ausprobieren verschiedener Online-Modelle. Erst in der Rückschau werden wir erkennen können, welches Experiment ein Wendepunkt war.
  5. Wir alle durchleben jetzt eine Art 15. Jahrhundert. Es ist viel einfacher zu erkennen, welches Geschäftsmodell stirbt, als welches Geschäftsmodell es ersetzen wird. Das Internet wird im Herbst 40 Jahre alt. Erst halb so lange ist das Internet für die Öffentlichkeit zugänglich, die alltägliche Nutzung des www ist gerade jetzt erst in unserem Leben angekommen. Nicht einmal Revolutionäre können derzeit vorhersagen, was passieren wird.

Über philippostrop

Journalist
Dieser Beitrag wurde unter Medienzeugs abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s