Als es plötzlich dunkel wurde…

Tickern in der Dunkelheit

Tickern in der Dunkelheit

Sie werden mir die folgende Geschichte sowieso nicht glauben, also kann ich sie Ihnen auch erzählen:

Am Donnerstagabend haben wir in Selm (27.000 Einwohner, Kreis Unna) eine Wahlkampf-Debatte veranstaltet. Die vier Bürgermeisterkandidaten sollten mit- und gegeneinander diskutieren. Moderiert wurde der Wahlkampfgipfel von unserem Redaktionsleiter Theo Wolters. Mehr als 300 Bürger waren da, im Saal war es tierisch heiß. Viele unserer Leserinnen und Leser hatten uns im Vorfeld Fragen für die Bürgermeisterkandidaten geschickt. Ich schwitzte ordentlich, während ich den Live-Ticker schrieb. Unser Anzeigenberater war froh, hatte er doch extra für diesen Ticker eine Online-Anzeige verkauft. Meine Kollegen Matthias Münch und Malte Woesmann fotografierten und schrieben parallel am Notebook die Print-Berichterstattung des kommenden Tages. Die Diskussion unter den Kandidaten setzte langsam zum Schlussspurt an.

Dann, um 21.23 Uhr, schlug der Blitz ein.
Die Lichter gingen aus.
Und wir mussten reagieren.

Und zwar so:

  • Moderator Theo Wolters machte einfach weiter. Wenn er aufgehört hätte, wäre die Situation möglicherweise unkontrollierbar gewesen. Es waren ja mehr als 300 Leute in dem engen Saal.
  • Ich machte auch einfach weiter. Kein Live-Ticker dieser Welt kann es sich erlauben, an dieser Stelle aufzuhören. Das UMTS-Netz war relativ schnell wieder online – und so konnte es weitergehen.
  • Gleichzeitig habe ich die Twitter-Gemeinde über die dramatische Wendung informiert: Jetzt würde der Ticker wirklich spannend!
  • Mittlerweile wussten wir nach einem Gespräch mit der RWE-Störungsstelle, dass der Stromausfall weite Teile Selms betrifft und längere Zeit dauern könnte. Theo begann vorsichtig mit seiner Abmoderation. Im Dunkeln und ohne Mikro.
  • Parallel holten meine Kollegen die 1. Lokalseite zurück. Minuten zuvor waren wir mit den Print-Berichten fertig geworden. Die Seite war bereits auf dem Weg in die Druckerei.
  • Ich entschied mich dafür, auch darüber zu tickern, welche Schritte das Ruhr-Nachrichten-Team nun machen musste. Ich machte uns selbst zum Objekt der Berichterstattung. Beispiele:
    22.12 Uhr: Wir sind in ständigem Kontakt mit dem Pressehaus. Mal schauen, ob wir ein Stromausfall-Bild auf die Titelseite kriegen. Problem: Mobilfunk ist offenbar extrem gestört. Und mobile Journalisten haben ohne Mobilfunk ein Problem.
  • Kollege Matthias begann, die Dunkelheit zu fotografieren – so gut das ging.
  • Die freie Mitarbeiterin Stefanie Brüning nahm meine Flip-Kamera und filmte los. Klar war: Dieses Video wird einmalig – und es wird geklickt werden.
  • Wir diskutierten, was nun inhaltlich zu machen ist. Ist der Stromausfall nur ein Randaspekt? Oder würde sich morgen kaum jemand an die Aussagen der Politiker erinnern können? Die Entscheidung fiel schnell: Der Stromausfall – gerade bei der Top-Veranstaltung des gesamten Wahlkampfs – wird morgen Stadtgespräch sein. Wir schrieben den Aufmacher massiv um und planten die ganze 1. Lokalseite neu. Wir brauchten mehr Platz. Draußen fuhr die Feuerwehr los.
  • Ich tickerte:
    22.23 Uhr: Ok, die Entscheidung steht. Wir gehen mit einem Stromausfall-Bild auf die Ruhr-Nachrichten-Titelseite in Selm. Dafür nehmen wir eine kleine Themen-Doublette in Kauf. Wir haben leichte Zweifel, ob das dunkle Bild im Druck gut rüberkommt. Aber weil dieser verrückte Abend mit Sicherheit morgen das Nummer-eins-Gesprächsthema in Selm ist, haben wir so entschieden.
  • Theo Wolters, gerade noch Moderator, war längst wieder Reporter und telefonierte mit der Feuerwehr und der Rettungsleitstelle. Dort herrschte eine angespannte Situation. Es wurden mehrere Blitzeinschläge und Brände gemeldet. Wir überlegten: Was, wenn wir jetzt auch noch über brennende Häuser berichten müssten? Wer sollte das tun? Das ganze Lokalteam war ja in die Rettung der Veranstaltung und in die Rettung unserer Wahlkampf-Berichterstattung eingebunden. Ich hielt mich im Ticker zurück – ich wollte nicht über Brände berichten, die nicht bestätigt waren. Goldrichtig, denn nach ein paar Minuten stellte sich heraus: Alles Fehlalarme. Auch die zwischenzeitliche Meldung, dass in Olfen die Kirche brenne, hatte sich als falsch herausgestellt. Puh.
  • Irgendwann, nach verdammt kurzen 24 Minuten, ging das Licht wieder an. Der Saal war leer. Und ich dachte nur: Das glaubt mir sowieso kein Mensch.

Zwischendurch riefen mich ständig Kollegen an, um mir zu erzählen, dass ich in der FAZ stehe. Und meine Schwester, die mit ihrer Familie in einem Waldhaus im Sauerland Urlaub macht, wollte ständig wissen, wie stark das Unwetter nun sei und ob sie sich Sorgen machen müsse.

Ich hab sie alle weggedrückt. Entschuldigung dafür.

Hier ein Ausschnitt aus unserem Blackout-Video. Die Langfassung gibt’s auf RuhrNachrichten.de zu sehen.

Über philippostrop

Journalist
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Eine Antwort zu Als es plötzlich dunkel wurde…

  1. Pingback: Alles muss raus. Oder: So evakuiert man ein Pressehaus « ostroplog – Das Weblog von Philipp Ostrop

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