Flashback. Oder: Ein Journalist in der Aldi-Zentrale

Bestellung von gefälschten Rauchmeldern in Hong Kong

Bestellung von gefälschten Rauchmeldern in Hong Kong

Den Job als Desk-Chef mache ich gerne und schon seit zweieinhalb Jahren. In dieser Zeit habe ich nur wenige Artikel für unsere Print- oder Onlineausgabe selbst geschrieben. Zuvor, in meinen vier Jahren als Redakteur im Mantel, war das anders.

Nun jedoch organisiere ich Content und Personal, treibe Innovationen voran, halte Leute bei Laune.

Wenn ich mit ganz normalen Menschen (Nichtjournalisten) über meinen Job rede – wie zuletzt bei einem netten Essen am Mittwochabend – kommt immer wieder dieselbe Frage: „Vermisst Du das Schreiben nicht?“

Meine Standardantwort lautet dann: „Och nöö, ich schreibe ja noch mehr als genug. Vor allem E-Mails.“ Dann erzähle ich meistens, dass ich sowieso nicht zu den Menschen gehört habe, denen es ums Schreiben ging. Schreiben war für mich nur Mittel zum Zweck, zur Informationsvermittlung. Schließlich habe ich auch nie Tagebuch geschrieben oder so’n Kram.

Gestern jedoch holte mich meine Vergangenheit wieder ein. Per Agentur-Meldung.

Unser Bericht über den Prozessbeginn

Unser Bericht über den Prozessbeginn

Denn gestern begann vor dem Landgericht in Mönchengladbach der Prozess gegen zwei Männer, die mir vor ziemlich genau fünf Jahren einige schlaflose Nächte beschert haben – und ich ihnen hoffentlich auch. Damals, im Herbst und Winter 2004, war ich vierundzwanzigeinhalb und plötzlich dick im Geschäft.

Im Herbst 2004 hatte Aldi Süd eine große Rückrufaktion für Rauchmelder gestartet, denn Aldi war hintergangen worden. Dem Konzern waren 360.000 gefälschte Rauchmelder aus chinesischer Produktion verkauft worden. Das Problem: Zum Großteil funktionierten sie nicht oder schlugen erst bei einer tödlichen Rauchdosis Alarm. Ich hatte Informationen und konnte sie schließlich auch beweisen, dass bei anderen Handelskonzernen und Baumärkten noch größere Mengen an ebenfalls unbrauchbaren Rauchmelder-Plagiaten in den Verkauf gelangt waren und immer noch angeboten wurden. Viele Rückrufaktionen waren die Folge.

Ein lebensgefährlicher Betrug. Wir deckten ihn auf.

Am Tag der ersten Veröffentlichung bei uns in der Zeitung brach die Hölle los. Ich war um halb 10 im Pressehaus – und die Telefone standen nicht still. Kurz vor 10 Uhr rief mich der SWR an. Eine Dame fragte mich, ob ich kurzfristig für ein Radio-Interview zur Verfügung stehen würde. Klar, sagte ich. Bleiben Sie kurz dran, sagte sie. Plötzlich war ich live in den 10-Uhr-Nachrichten und stotterte nur rum. Und auf dem Hof wartete schon Sat.1.

Meine Ex-Kollegen von RTL, wo ich vor meinem Zeitungsvolontariat gearbeitet hatte, waren von mir bereits am Vorabend informiert worden und filmten zu diesem Zeitpunkt bereits mit versteckter Kamera in Baumärkten. Der Spiegel sprang an die Geschichte ran – fortan recherchierten wir gemeinsam und tauschten unsere Ergebnisse aus. Wobei ich festhalten muss: Meine wochenlange Recherche hat der Spiegel innerhalb von zwei Tagen aufgeholt – und mich überholt. Ich war höchst beeindruckt.

Irgendwann hatte ich Hinweise, dass einige Discounter möglicherweise davon gewusst haben konnten, dass ihnen unbrauchbare Rauchmelder angedreht worden waren, und sie diese trotzdem verkauften. Das wäre eine Bombe gewesen! Doch ich wusste es nur vom Hörensagen. Denn Dokumente, die mir zugespielt worden waren, legten diese Vermutung ebenfalls nah – aber ließen sich in beide Richtungen interpretieren.

Ich versuchte von Aldi, dem verschlossensten Konzern Deutschlands (Europas? weltweit?), eine Stellungnahme zu meinen neuerlichen Anschuldigungen zu bekommen. Statt eines Schriftstücks kam sofort ein Anruf. Ob wir uns diskret treffen könnten – entweder in der Aldi-Nord-Konzernzentrale, im Pressehaus oder auf neutralem Grund. Wir entschieden uns, Aldi zu besuchen. Wir wussten von keinem anderen Journalisten, der jemals in die Herzkammer des Discount-Giganten vorgedrungen war. Mein Chefredakteur Wolfram Kiwit und ich fuhren also in den Essener Süden, in ein schmuckloses Verwaltungsgebäude mitten in einem Wohngebiet.

Man sagte uns nicht, wer unsere Gesprächspartner sein würden. Ich hatte die wildesten Phantasien. Ob ich einen der alten Albrechts erkennen würde? Es kam dann ganz anders, uns saßen Anwälte gegenüber. Mir pochte das Herz bis unter die Schädeldecke. Ich hatte einen großen Auftritt – aber keine Beweise für meine Anschuldigungen. Irgendwann hörte ich mich sagen: „Mein Bauchgefühl sagt mir, …“. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte ich verloren.

Aldi war in den anschließenden Wochen sehr kooperativ. Als ich gestern, aufgeschreckt von der Agenturmeldung, in die mehrere hundert Seiten dicken Recherche-Unterlagen schaute,war ich überrascht. Ich hatte vergessen, wie oft ich mit Aldi hin- und hergeschrieben hatte. Sie waren selbst daran interessiert, mögliche weitere Betrügereien offenzulegen.

Manchmal kamen die Fax-Antworten aus der Zentrale von Aldi Süd, manchmal von Aldi Nord. Manchmal schrieben es irgendwelche Anwälte aus dem Off. Anschließend, als alle gesagt und geschrieben war, bedankten wir uns gegenseitig für den fairen Umgang miteinander. Und hörten nie wieder etwas voneinander.

Und nun? Die beiden Angeklagten habe ich damals nur am Telefon kennen gelernt. Sie waren, das war keine echte Überraschung, nicht sehr freundlich zu mir. Drei Prozesstage sind in Mönchengladbach angesetzt. Vielleicht schaffe ich es ja, in den nächsten Tagen dabei zu sein und mir die Herren anzuschauen. Dann könnte ich ja mal wieder etwas Größeres schreiben. Ein bisschen angefixt bin ich ja jetzt schon.

Über philippostrop

Journalist
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