Schmerz, Schock und Schlagzeilen: Wie Medien Grenzen verletzen

Das spannendste Themen beim NRW-Journalistentag des DJV am Samstag in Recklinghausen war das „Forum Grenzverletzung“. Titel der Diskussionsrunde: „Amok-Berichterstattung – Gratwanderung zwischen Schmerz, Schock und Schlagzeile“.

Es ging darum, was Medien nicht dürfen und trotzdem tun, was sie dürfen aber besser gelassen hätten –  und welche Wirkung eine reißerische Berichterstattung auf Opfer, Opferfamilien und Nachahmungstäter haben kann. Auf dem Podium waren zwei Mahner und ein notorischer Grenzverletzer:

Frank Nipkau, Redaktionsleiter Winnender Zeitung
Wolfgang Wiebold, Blaulicht-Kameramann-Legende (Wiebold TV)
Prof. Dr. Joachim Kersten, Deutsche Hochschule der Polizei (DHPol)
Moderatorin: Andrea Hansen

Ich habe mit meiner Flip gefilmt, bis mein Arm lahm wurde. Ungefähr 40 Minuten also. Leider durfte Wolfgang Wiebold ständig sagen, dass er zu den Guten gehört, die selbstverständlich nie irgendwelche kritischen Szenen drehen – und so kam er ziemlich unbehelligt aus der Debatte raus. Ohne Erklärung blieb leider auch sein „Bilder kloppen“. Bis heute weiß ich nicht, was er damit meint.

Frank Nipkau ist in der Branche seit dem Amoklauf von Winnenden bekannt. Als Lokalchef der beschaulichen Kleinstadt vor den Toren Stuttgarts erlebte er eine Medienmeute, die keine Grenzen kannte. Während die Kamerateams und Witwenschüttler nach ein paar Tagen verschwunden waren, ist Nipkau mit seinem Team natürlich immer noch dort. Er rät allen Journalisten, sich theoretisch mit einer solchen Situation auseinanderzusetzen – um zu wissen, welche Grenzen man im Ernstfall nicht überschreiten will.

Richtig gut war Prof. Dr. Joachim Kersten. Er bildet Polizei-Einsatzleiter aus und kennt den Zusammenhang zwischen (erwarteter) Berichterstattung und dem Täterverhalten. Sein Auftritt bei n-tv während des Amoklaufs von Winnenden ist legendär…

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Background

Ein ZDF-Kamerateam hat Wolfgang Wiebold mal bei seiner nächtlichen Bilderjagd durch den Ruhrpott begleitet:

Hier Teil 2 und Teil 3 der Wiebold-Doku.

Und ich empfehle dieses Video: Professor Kersten war während des Amok-Tags von Winnenden live bei n-tv zugeschaltet und sollte aus der Ferne das Geschehen einschätzen. Er fand die Fragen damals ziemlich dumm und ist ein Gegner der vielen Experten, die sich zu jedem Thema interviewen lassen. Das hat er damals auch ehrlich gesagt – ohne zu wissen, dass er live auf Sendung ist. Er dachte, es handele sich noch um das Vorgespräch…

Über philippostrop

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2 Antworten zu Schmerz, Schock und Schlagzeilen: Wie Medien Grenzen verletzen

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