It’s the hyperlocal and data driven journalism, stupid!

Ich erlebe gute Wochen.

Nachdem ich meinen alten Job (Redaktionsleiter des RegioDoDesks der Ruhr Nachrichten) an den geschätzten Kollegen Tobias Weckenbrock abgegeben habe, und bevor mein neuer Job als Redaktionsleiter der RN-Stadtredaktion Dortmund beginnt, habe ich ein paar Tage Wochen frei. Zum Durchatmen, Kraft sammeln. Deswegen hat auch dieses kleine Blögchen eine Sendepause erlebt, die ich nun kurz unterbreche. Eigentlich fühle ich mich fast ein bisschen wie ein Frührentner – doch ich blogge, also bin ich wohl noch.

Folgende mediale Episoden der zurückliegenden Tage muss ich an dieser Stelle zum besten geben. Denn es nützt ja nichts, wenn das alles nur durch meinen Kopf schwirrt. Meine persönliche Quintessenz: It’s hyperlocal and data driven journalism, stupid!

29. 9.: Scoopcamp in Hamburg

Beim Scoopcamp trafen Journalisten und (Web-)Entwickler aufeinander. Das zweite Scoopcamp vor zweieinhalb Wochen in Hamburg war hochinteressant und inspirierend. Das lag an den beiden Rednern Aron Pilhofer von der New York Times (sein Thema „Beautiful Data“, Highlights hier) und Oliver Reichenstein von Information Architects („Duplo statt Lego: iPad-Design in Theorie und Praxis“) sowie am Workshop Datenjournalismus von Ulrike Langer und Lorenz Matzat.

Ehemalige Print-Verlage, die seit ein paar Jahren Geld und Engagement ins Netz investieren, taten diesen Schritt, weil sie merkten, dass ihr lokaler Content zu kostbar ist, um nur in Print wertgeschöpft zu werden. Mein Eindruck: Langsam aber sich wächst nun die Erkenntnis, dass in diesen lokalen Online-Geschichten viel mehr steckt, nämlich (Meta-)Daten, die mit überschaubarem Aufwand ausgelesen, ausgewertet und visualisiert werden können.

Was das heißen soll? Antworten gibt es in den Workshop-Folien von Ulrike und Lorenz, die sie in ihren Blogs veröffentlicht haben:  www.medialdigital.de und www.datenjournalist.de. Außerdem finden sich unter folgender Adresse viele interessante Links zu Seiten und Projekten, die beim Scoopcamp diskutiert wurden: http://okfnpad.org/scoopcamp

In einem Jahr werden wir über Datenjournalismus breit diskutieren. Allerspätestens.

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4. 10.: Ifra-Expo und Cross Media Awards 2010

Die Weltmesse der Zeitungsindustrie, die Ifra-Expo, machte in diesem Jahr in Hamburg Station. Am Rande der Messe wurden die internationalen Cross Media Awards verliehen. Wir sind froh und stolz, dass unser Fotoportal www.Nahraum.de auf Platz fünf gelandet ist und damit zum besten deutschen Lokal-Projekt gekürt wurde (obwohl es noch in der Beta-Phase steckt). Hier die Pressemitteilung der WAN-Ifra. Die Liste der Wettbewerbsbeiträge umfasst mehr als 70 Projekte aus mehr als 20 Ländern.

Cross Media Award für Nahraum © WAN-IFRA/DIRK EISERMANN

Cross Media Award für Nahraum

Interessant finde ich folgende Parallele: Mit Nahraum bauen wir ein eigenes Fotoportal auf und verschränken es mit unseren Plattformen und Produkten – ein lokales Flickr, wenn man so will. Der Sieger des Cross Media Awards, die sympathischen Kollegen von Het Belang van Limburg aus Belgien, sind sehr erfolgreich mit ihrem Projekt Limbolink.be – einem lokalen Myspace, wenn man so will.

Ich habe den Ifra-Expo-Tag im Mediaport verbracht, wo es um Hyperlocal Publishing und E-Reading (Programm hier) ging. Und siehe da: Wieder waren (Meta-)Daten ein großes Thema, Beispiele für durchdachte Geokodierung lieferten beispielsweise das Hamburger Abendblatt (Blaulichtkarte und Branchenbuch).

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8. 10.: World Editors Forum 2010

Wieder zu Hause, schaute ich in den Livestream des World Editors Forum rein. Das WEF fand ebenfalls am Rande der Ifra-Expo statt. Ein Panel stach dabei heraus: Using crowd sourcing and social networks in hyperlocal news. Die Vorträge von Bart Brouwers (Telegraaf, Holland, ab Minute 11) und Roman Gallo (Nase Adresa, Tschechien, ab Minute 35) sind hiermit zum Anschauen empfohlen:

Brouwers‘ 20 Gebote für hyperlokale Nachrichtenseiten treffen absolut ins Schwarze:

  1. Collaborate, don’t invent. –> Startups und Partner mit ins Boot holen, bevor man das Rad selbst neu erfinden muss.
  2. Get personal. –> Hyperlokale Relevanz kann für jeden Nutzer etwas anderes bedeuten. Deswegen müssen die Nachrichten persönlich, wenn nicht sogar personalisiert sein.
  3. Be social. –> Teile Informationen, und Du wirst davon profitieren. Erzähle auch von Deinen Fehlschlägen.
  4. Publish real-time. –> Wenn man etwas weiß, muss man es sofort veröffentlichen. Dann verbessern und weiter anreichern.
  5. Be easy to use. –> Auf das Wesentliche und die wesentlichen Funktionen konzentrieren.
  6. Be open. –> Das Publikum einladen, Mitstreiter zu sein.
  7. Be serendipitous. –> Den Spürsinn für gute Geschichten/Themen nicht verlieren.
  8. Mistakes are no #fail. –> Aus den Fehlern lernen. Ohne Fehler gibt es keinen Fortschritt. Im Internet kann ein Fehler schnell behoben werden.
  9. Use outside knowledge. –> Journalisten waren nie allwissend, und nun können die Leser mit ihrer Expertenmeinung helfen, die Berichterstattung besser zu machen.
  10. Offer your skills. –> Die Kombination aus User-Information und dem Handwerk der Profis macht die Nachrichten besser.
  11. Avoid acting „special“. –> Die typische Journalisten-Attitüde („Wir sind etwas Besonderes“; „Wir wissen mehr als Ihr Leser“) muss aufhören.
  12. Be involved. –> Sei ein Teil des Publikums und schreibe aus dessen Innern. Mittendrin statt nur dabei. Mach Dich gemein!
  13. Help users participate. –> Wenn Nutzer mitmachen, müssen sie belohnt werden, indem sie eine Plattform bekommen.
  14. Cherish & curate. –> Als Kurator auftreten.
  15. Mutualize. –> Nutzer und Journalisten arbeiten zusammen und profitieren gegenseitig voneinander.
  16. Accept lurking. –> Es ist ok, wenn nur ein Bruchteil der Nutzer auch selbst Content beisteuert.
  17. Act entrepreneurial. –> Journalisten müssen auch geschäftlich denken.
  18. Pile up small change. –> Es gibt nicht mehr das eine große Geschäftsmodell wie bei der Tageszeitung. Ein Mix aus vielen Geschäftsmodellen muss den Umsatz bringen.
  19. Automate. –> So viel wie möglich automatisieren.
  20. Break down the castle. –> Wir müssen raus aus unserer Burg. Den Elfenbeinturm einreißen und einen Marktplatz daraus machen.

Barts Präsentation:

Spannend ist auch das leider gescheiterte Projekt Nase Adresa aus Tschechien – das waren die mit den Nachrichtencafés als Newsrooms. Alle Livestreams vom WEF gibt’s in dieser Vimeo-Gruppe.

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Über philippostrop

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6 Antworten zu It’s the hyperlocal and data driven journalism, stupid!

  1. Pingback: Medial Digital» Linktipps Neu » Linktipps zum Wochenstart: Saitenwechsel

  2. Bart Brouwers schreibt:

    Sehr genaue Zusammenfassung meiner „20 Gebote“. Danke!

  3. Pingback: Regioblogs finanzierbar? | vtaktuell

  4. Pingback: Datenjournalismus für (uns) Einsteiger at Jan Eggers

  5. Pingback: Forum Lokaljournalismus 2011: Livestream aus Waiblingen und eine Twitter-Liste | ostroplog – Das Weblog von Philipp Ostrop

  6. website schreibt:

    A fascinating discussion is definitely worth comment.
    I do think that you ought to write more about this issue,
    it may not be a taboo matter but usually people do not discuss
    such issues. To the next! Many thanks!!

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