Das Dortmunder U: visuelle Feinkost und ein bisschen Kotze

Durchschnittliche Lesedauer für diesen Artikel: 2:30 Minuten

Willkommen im Dortmunder U - Fensterscheibe im Eingangsbereich. Foto: Ostrop

Das Dortmunder U. Seit vielen Jahre arbeite ich nur ein paar hundert Meter entfernt im Pressehaus der Ruhr Nachrichten. Ich bewundere die fliegenden Bilder Adolf Winkelmanns oben an der Dachkrone, doch ich war noch nie drin, da drüben im U.

Um dieser Peinlichkeit ein Ende zu bereiten, bin ich am Sonntag reingegangen. Es wurde ein Besuch auf einer Baustelle zwischen feinem Staub, außergewöhnlicher Architektur, kaputten Fensterscheiben, beeindruckenden Bildern und ein bisschen Kotze.

Blattgold-Beschichtung in 60 Metern Höhe: das illuminierte U. Foto: Ostrop

Obwohl das Dortmunder U während der Kulturhauptstadt drei Mal eröffnet wurde, ist es erst halb fertig. Es wird dort weiterhin geschraubt, verputzt, gepinselt. Auf zwei von sieben Etagen fehlt noch der Innenausbau, auf der dritten Etage will der Hartware MedienKunstVerein in drei Tagen den „Traum einer Ausstellung“ eröffnen.

Das U ist also noch in der Entstehungsphase, trotzdem schon geöffnet. Das ist nicht weiter verwunderlich, schließlich musste in dem 22-Millionen-Euro-Bau während des Kulturhauptstadt-Jahres schon ordentlich was passieren. Dieser Public-Beta-Status wäre auch nicht schlimm, wenn man es den Besuchern vernünftigen erklären würde.

Aus der Decke hängen blanke Kabel. Foto: Ostrop

Aus der Decke hängen Kabel. Foto: Ostrop

Doch weil diese Erklärung fehlt, kann sich der Gast des Eindrucks nicht erwehren, das U sei schon längst wieder kaputt. Weil viele Fensterscheiben feine Risse oder große Sprünge haben oder das Sicherheitsglas in tausend Teile geplatzt ist. Weil an einer Stelle Kabel aus der Decke ragen. Weil der Sicherheitsmann schimpft, er müsse sich die Heizstrahler für seine kalte Bude von zu Hause mitbringen. Weil sich an vielen Stellen dieser feine weiße Baustaub sammelt.

Atemberaubende Architektur im U

Der Weg nach oben - atemberaubend. Foto: Ostrop

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Räume sind fantastisch, die Architektur außergewöhnlich. Der Ort lässt eine besondere Atmosphäre entstehen. Das Museum Ostwall zeigt auf der vierten und fünften Etage Immendorff, Uecker, Beuys und ganz viel Fluxus-Kram, den ich zwar nicht verstehe – aber das soll mein Problem sein und nicht das des Museums. Vor allem die spektakuläre Schau „Bild für Bild“, die das Museum Ostwall gemeinsam mit dem Centre Pompidou in der sechsten Etage inszeniert, ist visuelle Feinkost und, wie meine Kollegin Bettina Jäger schrieb, ein großes Abenteuer.

Dann fährt man ganz nach oben, in Etage sieben, zum Panorama-Restaurant View, das am Wochenende zum Club mutiert. Mutig und deshalb richtig ist es, diesen Kulturtempel in den Nächten zu beleben, zumal die Dortmunder Szene das View mehr als gut gebrauchen kann. Wer allerdings nach dem Kreativitätskonsum mit der Rolltreppe oben angekommen ist, wird zunächst von Erbrochenem empfangen, das noch unten am Fuße einer Scheibe klebt. Erst Kunst, dann Kotze. Das ist mehr als peinlich!

U: Kotze statt Kunst in der 7. Etage

Getrocknetes Erbrochenes: Kotze statt Kunst in der 7. Etage. Foto: Ostrop

Dortmunder wissen, was das U mal war (so ungefähr jedenfalls) und welche Metamorphose es durchlebt. Der Rest der Welt weiß es nicht und wäre beim Besuch über einen klitzekleinen Hinweis auf die Vergangenheit dieses merkwürdigen Gebäudes sehr dankbar.

Mein erstes Mal im Dortmunder U. Das kann noch nicht alles gewesen sein.

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Bisschen Background:
Museum Ostwall: Direktor Wettengl reagiert auf Kritik
Das U wird erst im November fertig
Museum Ostwall zu arm für Ausstellungen im U
500 Porträts machen Eindruck

Mehr Fotos von meinem Besuch gibt es in diesem Flickr-Album.

Über philippostrop

Journalist
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4 Antworten zu Das Dortmunder U: visuelle Feinkost und ein bisschen Kotze

  1. Stefan schreibt:

    Das mit der ewigen U-Baustelle ist schon peinlich. Und klar – tolles Gebäude. Irgendwann. Bestimmt. Aber abgesehen von allen Baumängeln und den drei Eröffnungen: Besonders übel finde ich, dass von der ursprünglichen Idee eines „Kreativzentrums“ so gut wie nix übrig geblieben ist und Langemeyer seinen Wunsch nach einem neuen Museum komplett durchsetzen konnte. Land und Ruhr2010 haben sich an der Nase rumführen lassen – oder es war denen einfach egal.

  2. Pingback: Links anne Ruhr (08.03.2011) » Pottblog

  3. Pingback: Der Ruhrpilot | Ruhrbarone

  4. Andrea Reiter schreibt:

    Als Nicht-Dortmunder habe ich das U auch schon besucht und ich muss schon zugeben, es ging mir ein bisschen wie beschrieben. Zu meinem Spontanbesuch fehlten einfach einige Hintergrund-Infos, um alles richtig genießen zu können. Von Ihrem Beitrag inspiriert, habe ich tiefer gehend informiert und werden die Unternehmung „U“ auf jeden Fall wiederholen.

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