Bill Keller (New York Times) spricht über Krisenmanagement, einen harten Job und die beschissene Rezession

Durchschnittliche Lesedauer für diesen Artikel: 2:30 Minuten

Bill Keller, scheidender Chefredakteur der New York TimesEs gibt selbst in Friedenszeiten wahrscheinlich keinen Job in der Medienbranche, der stressiger ist als der Chefredakteursposten der New York Times. Bill Keller (Foto) hat das acht Jahre gemacht. Doch seine acht Jahre waren keine Friedenszeiten, er musste Krisen, Kriege und Katrina meistern – ganz zu schweigen von den Revolutionen seiner Branche. Nun geht Keller und gibt lockere Interviews. Hier ein paar Auszüge aus zwei lesenswerten Esquire-Gesprächen, die er mit Scott Raab geführt hat (freie Übersetzung von mir):

Aus Interview 1:

Wusstest Du, wie hart der Job werden würde?
Nein. Sie erzählen Dir vorher nicht, dass ein Großteil Deines Lebens aus Krisenmanagement bestehen wird. Jede Art von Krise, die man sich vorstellen kann, beginnend mit einer Krise der Moral und der Glaubwürdigkeit, die ich geerbt hatte. Dann mussten wir durch dies Arschloch von Rezession („one motherfucker of a recession“).

Hat der Chefredakteur der New York Times gerade wirklich Arschloch gesagt?
Mein Boss wird erschrecken – aber die Rezession war ziemlich brutal, in der Nachrichtenbranche noch brutaler als woanders. Außerdem hat die digitale Revolution existenzielle Fragen zum gesamten Geschäftsmodell aufgeworfen – und parallel dazu gab es die Frage, wie eine Redaktion, die aus Leuten besteht, die mit der Print-Produktion aufgewachsen sind, an die Möglichkeiten des Webs zu gewöhnen ist. Außerdem gab es Krisen, in denen Reporter von uns in Gefahr waren. Davon hatte ich einige. Und dann die persönlichen Krisen von Mitarbeitern und ihren Familien. Das alles hatte ich nicht erwartet.

Gab es etwa eine Zeit, in der Zeitungen nicht an der Schwelle zur Katastrophe standen?
Zeitungen waren in der Geschichte schon oft todgeweiht. Durch die Erfindung des Radios, des Fernsehens, wahrscheinlich auch schon vorher durch den Telegrafen. Aber Verleger und Herausgeber haben sicherlich mehr zum Tod von Zeitungen beigetragen als jede innovative Medienform.

Aus Interview 2:

Nachdem Du Deinen Abgang verkündet hast, bist Du als „Typ der alten Medien“ bezeichnet worden.
Ich könnte diesen Titel mit Stolz tragen – doch wenn überhaupt, dann nehme ich diesen Titel nur widerwillig an. Eine Sache, dich ich in diesem Job getan habe und die geholfen hat, dieses Unternehmen auf lange Sicht abzusichern, ist etwa sechs Jahre her. Da habe ich eine Mail an Verleger Arthur Sulzberger und einen kleinen Kreis an Führungskräften geschrieben: Wir haben eine Redaktion voll mit Leuten, die genau wissen, wie sie für eine tägliche Publikation schreiben müssen. Und wir haben eine zweite Redaktion mit Leuten, die genau wissen, wie die Rund-um-die-Uhr-Welt funktioniert. Diese Trennung ist ein Fehler. Und wir sollten mit Eifer an der Integration arbeiten. Also bin ich vielleicht der „Typ der alten Medien“, aber um den Medienwandel habe ich mich auch verdient gemacht, zumindest innerhalb der Times.

Ich nehme an, Du wirst jetzt wie ein Bekloppter anfangen zu twittern…
Abwarten. Ich habe immer das Gefühl, dass wenn ich eine Idee twittere, ich sie der Konkurrenz frei Haus liefere. Ich sollte die Idee lieber einem unserer Reporter sagen.

Über philippostrop

Journalist
Dieser Beitrag wurde unter Medienzeugs abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s